Neustart für das Krongut Bornstedt : Italienisches Flair und deutsches Bier

Im idyllischen Krongut ist von einst 22 Geschäften nur ein Hutsalon übrig geblieben. Nun will der Eigentümer die Trendwende schaffen – mit einem neuen Konzept und Selbstgebrautem.

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Gruppenbild mit Hut. Ursula Klose sagt: „Ich bin die Letzte!“ – und das selbstbewusst und frohen Mutes.
Gruppenbild mit Hut. Ursula Klose sagt: „Ich bin die Letzte!“ – und das selbstbewusst und frohen Mutes.Foto: Andreas Klaer

Die Februarsonne schält den frisch sanierten Campanile des Bornstedter Friedhofs glasscharf aus dem adriablauen Himmel. Italien liegt in der Luft. Der Glockenturm leuchtet, das Krongut leuchtet, Ursula Klosa leuchtet. Sie trägt ein weißes Kleid und einen weißen Hut, sitzt in einem Klappstuhl, liest ein Kulturjournal und reflektiert das warme Sonnenlicht und über das Leben. „Ich bin die Letzte!“, sagt sie selbstbewusst und frohgemut. Sie, die eine kommunistische Revolutionärin als Maskottchen wählte, ist die letzte freie Gewerbetreibende auf dem Krongut Bornstedt im Potsdamer Nordwesten.

22 Gewerke gingen 2002, nach der Sanierung des einstigen Vorzeigegutes, gemeinsam mit Ursula Klosa an den Start. Das Krongut ist mindestens so gut besucht wie das Schloss Sanssouci, doch die Leute gucken viel und kaufen wenig. Der Glasbläser gab 2006 auf, die Krongutbäckerei im vergangenen Herbst, übrig geblieben sind Ursula Klosa und ihr Hutladen. Wer ihn betritt, erblickt eine große Schwarz-Weiß-Fotografie der 1942 verstorbenen Revolutionärin, Schauspielerin und Fotografin Tina Modotti. Sie trägt einen Hut im Stil der zwanziger Jahre. Ach, die Zwanziger, das war die Hutzeit par excellence, schwärmt Ursula Klosa, „meine Oma ging nie ohne Hut aus dem Haus“. Sie selbst biete „sehr tragbare Hüte“ verschiedener Hutmacher und dies nicht nur für Frauen: Für Männer habe sie gerade sehr schöne weiße Leinenkäppis da.

Das Krongut muss sich neu erfinden, das alte Konzept, die Schau traditioneller Gewerke, hat auf Dauer nicht funktioniert. Hutfrau Klosa schwärmt von den ersten Jahren, die gut waren. Doch dann wurde die Lage schwieriger, langsam, aber stetig. Das weiß auch Betriebsleiterin Jenny Krüger. Das Jahr 2013 hat sie trotz allem „mit einem Plus“ abgeschlossen, doch die Krongutbäckerei fehlt sehr seit der Insolvenz Ende September. „Unsere Gäste empfinden die Bäckerei als Herzstück des Krongutes“, sagt Krüger. Die Laggner-Gruppe von Kronguteigentümer Josef Laggner sei „bemüht, die Bäckereiräume vom Insolvenzverwalter zurückzubekommen, um sie den Besuchern wieder zugänglich zu machen“.

Idyllisch liegt das Gut im Potsdamer Nordwesten.
Idyllisch liegt das Gut im Potsdamer Nordwesten.Foto: Andreas Klaer

Krüger muss jetzt alles selbst in die Hand nehmen und den ehemaligen Sitz der Kronprinzessin Victoria komplett selbst bespielen lassen. „Das Krongut ist wie das Leben, mal geht es aufwärts, mal abwärts“, sagt sie und versichert bestimmt: „Es geht jetzt wieder aufwärts.“ Der Gutsladen wird schon nicht mehr durch einen Selbstständigen betrieben, sondern durch das Krongutmanagement. Doris Löbe, die den Besuchern diverse Mitbringsel mit Lokalkolorit verkauft, ist eine Angestellte. Sie ist es, die nun etwa die Keramikprodukte eines Künstlers verkauft, der vor Jahren noch selbst im Krongut töpferte, sich aber längst wieder in sein Rathenower Atelier zurückgezogen hat. Was ist Ihr Bestseller, Frau Löbe? Die freundliche Frau lacht und antwortet, ganz ehrlich, am besten verkaufe sich die hausgemachte Marmelade aus dem Spreewald.

Jenny Krüger braucht neue Leute für den Neubeginn im Krongut, Menschen wie den 24-jährigen Braumeister Sven Blinde. Im Krongut hat er bereits sein erstes Bockbier gebraut, „mit 17 Prozent Stammwürze und sieben Prozent Alkohol“. Der Ehrgeiz des jungen Brauers ist groß, „die Richtung ist klar vorgegeben – besser zu werden als die anderen Brauer in der Region“. Erreichen will er das mit sehr guten Rohstoffen, speziellen Brauverfahren und der kreativen Anwendung seines Könnens. Die Biere der Konkurrenz, etwa der Braumanufaktur Forsthaus Templin, habe er noch nicht probiert, sagt er. Sein stark schäumendes Bockbier, von dem er bereitwillig kosten lässt, schmeckt sehr würzig und ist wegen seiner ausgesprochenen Süffigkeit ein wenig heimtückisch. „Nach drei Gläsern kann man ein Taxi bestellen“, sagt Krongutchefin Krüger, die wohl ahnt, dass mit gutem Bier sicher nicht alles, aber schon einmal manches gut läuft auf dem Krongut. Am 26. Februar solle ein Bierfest gefeiert werden, vereinbart Krüger spontan mit ihrem Braumeister, zu Ehren des „Tages des deutschen Bieres“. 498 Jahre Deutsches Reinheitsgebot, das ist Sven Blinde eine Geburtstagsparty wert.

Sven Blinde will der beste Brauer der Region werden.
Sven Blinde will der beste Brauer der Region werden.Foto: Andreas Klaer

Krüger führt durch die ehemaligen Ställe, Scheunen und durch das historische Herrenhaus. Die Räume sehen nach Innehalten, Luftholen, nach Saisonvorbereitung und somit nicht untypisch für den Monat Februar aus. In einem Dachgeschosssaal hat bereits die erste große Veranstaltung des Jahres stattgefunden. 150 Besucher, Eltern mit ihren Kindern, sahen „Pettersson & Findus“ als Puppentheater. Überhaupt will Jenny Krüger mehr für Kinder anbieten. Im ehemaligen Schlacht- und Backhaus sollen nun Tagungen stattfinden. Für eine der beiden Scheunen, die nun als Weinhandlung von Luther & Wegner genutzt wird, gibt es Jenny Krüger zufolge „Pläne, die noch nicht verraten werden dürfen“.

Vor dem Restaurant „Brauhaus“ steht ein Kellner und blinzelt in die Sonne. Noch hat er Zeit für Muße, „von Ende März bis September ist hier die Hölle los“, versichert er. In dieser Zeit muss das Krongut den Speck ansetzen, den es braucht, um den Winter zu überstehen. Winter, die hart sein können, selbst wenn die Sonne derart scheint, als läge Bornstedt wirklich in Italien.

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