Berlin : New Economy: Auferstehen aus Ruinen

Thomas Loy

Senatsbaudirektor Hans Stimmann mühte sich redlich, doch das 54. Berliner Architekturgespräch im alten E-Werk an der Mauerstraße lief immer wieder aus dem Ruder. Die Kombattanten auf dem Podium blieben wortkarg oder drifteten genüsslich vom Thema ab. Holger Friedrich von der Software-Firma spm technologies, die im E-Werk ihren Firmensitz etablieren will, erzählte frei von der Leber weg, wie das so war, als man in der Stadt nach geeigneten Immobilien suchte und bei Verwaltung und Politik nachfragte. Resumee: "Man merkt, dass sich die Stadt nicht wirklich für Wirtschaft interessiert." Als Stimmann dementiert, legt Friedrich nach: Irgendwann im Laufe der fruchtlosen Gespräche sei der Vorschlag gekommen, doch in die SPD einzutreten. Friedrich grinst, das Auditorium lacht. Wir lernen: Der Berliner Filz hat keine Bange vor der New Economy.

Thema des Abends war eigentlich die Frage, warum die New Economy, also die smarten Dienstleister der virtuellen Datenwelt, sich besonders gerne in den Überresten der industriellen Revolution niederlässt. Was bedeutet das für die Architektur der Stadt? Wie gehen die trendigen Bewohner mit den alten Backsteinkulissen um? Die erste Frage beantwortete sich quasi von selbst.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Alte Industriebauten wecken den Entdeckerinstinkt, regen die Phantasie an, liegen oft innenstadtnah, bieten viel flexibel gestaltbaren Platz und sind vergleichsweise billig zu haben. Außerdem hat Berlin einfach viel davon. Nach dem Vorbild der Oberbaum-City und der Lokfabrik in der Chausseestraße sind weitere Projekte in Planung, beispielsweise der Spreespeicher in Friedrichshain, die Backfabrik im Prenzlauer Berg und die Edison-Höfe in Mitte.

Im Falle des E-Werks zehrt der Bauherr nicht nur vom historischen Kontrast, sondern auch dem Mythos eines ungezähmten Clublebens in einer bundesweit bekannten "location", einem heiligen Ort, den jeder Party-Pilger zumindest einmal im Leben betreten haben musste. Die Höfe des E-Werks sollen mit einer IT-Bibliothek, Cafés und Bars offen gehalten werden, verspricht Friedrich. Was alt ist, werde restauriert, dazwischen will man radikal neu bauen, mit einer Fassade aus gläsernen Bändern, als Sinnbild der Software, mit der man sich darin beschäftigt, kontrastierend zur Hardware der alten Transformatorenhallen.

Wesentlich behutsamer entwickelt Hagen M. Bartels, Eigentümer der alten Backfabrik, seinen Standort an der Prenzlauer Allee. Architekt Marc Kocher will an der historischen Fassade nur Ergänzungen vornehmen, die mit der vorhandenen Substanz verschmelzen. Ihm sei es ein Lob, wenn der Betrachter seine Gebäude als alt einschätze, die Eingriffe also gar nicht bemerke. Auch Bartels und Kocher werben für ihr Projekt mit historischen Fußnoten. Bei "Aschingers" gab es früher Erbsensuppe mit Schrippen und Bockwurst. In der DDR wurde im großen Maßstab Brot gebacken. Zuletzt nutzten Filmemacher das Gelände.

Landeskonservator Jörg Haspel konnte dem Backfabrik-Ansatz mehr abgewinnen als dem E-Werk-Projekt. Die Gegenwart solle die überlieferte Architektur in die Zukunft fortschreiben und nicht nur als Steinbruch für eigene Entwürfe verwenden. Der Architekt möge "additiv" vorgehen und nicht "intervenierend". Generell begrüßten Stimmann und Haspel die Symbiose zwischen neuer Wirtschaft und alter Industriearchitektur - sie sollte sich doch bitte nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in ferneren Räumen wie etwa Oberschöneweide entwickeln.

Doch in diesem Punkt erhielten sie von Bauherr Bartels eine Absage. Beim gegenwärtigen Schneckentempo der Wirtschaftsentwicklung werde sich frühestens sein Enkel mit diesen Immobilien befassen. Marc Wohlrabe von der Szenezeitschrift "flyer" hielt sein bekanntes Plädoyer für mehr Zwischennutzungs-Möglichkeiten für die wandernden Clubs. Die Party-Locations hätten in Berlin den Boden für die boomende Multimedia-Wirtschaft bereitet - nun dürfe sie nicht einfach von Glas und Beton mit Büros und Systemgastronomie aus der Stadt gedrängt werden.

Auf keinen Fall Systemgastronomie, versprachen die Bauherren, auch kein "Totsanieren" wie in der Kulturbrauerei, aber der subversiven Kultur werde man sicher keinen Unterschlupf gewähren können - das wäre schließlich ihr Untergang.

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