Berlin : New Economy: Networken für eine rosarote Zukunft

Till Schröder

Wo sind eigentlich die vielen jungen Ar-beitslosen aus Berliner Startups, die in den letzten zwölf Monaten Pleite gingen? Es müssen eine Menge sein, schließlich erwartet der Veranstalter der ersten Berliner "Pink-Slip-Party" am 30. April in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide 1500 Gäste. Auf Pink-Slip-Partys feiern sich weltweit die Gefeuerten der New Economy. Im Motto "Do you dare to party" kommt trotziger Optimismus zum Ausdruck. Doch in Berlin ist für die junge, erfolgsverwöhnte Internetszene der Umgang mit dem Problem Arbeitslosigkeit noch etwas ungewohnt.

Die Pink-Slip-Party ist als Jobbörse im zwanglosen Rahmen konzipiert. Pink slips sind die rosaroten Umschläge, in denen in USA Entlassungsschreiben zugestellt werden. Auf den Partys geben sich die Gefeuerten durch rosa Kleider oder ein T-Shirt mit dem Namen ihrer ehemaligen Firma zu erkennen. Sie müssen weder Eintritt noch Getränke bezahlen, sich dafür aber per Internet anmelden. Die Personaldaten geben die Partyveranstalter an potenzielle Arbeitgeber weiter. Sie rechnen damit, dass etwa ein Drittel der Gäste aus Headhuntern und Personalberatern besteht. Früher galten Eröffnungspartys stets als guter Rahmen fürs Networking. "Im Moment gibt es allerdings nicht mehr viele Startup-Partys", sagt Christopher Schering, der Sprecher des Silicon City Clubs.

"Die Leute, die ihren Job verloren haben, sind sehr vorsichtig und kommunizieren verdeckt", sagt Frank Lichtenberg, der die Pink-Slip-Party organisiert. "Optimismus ist ein Bild, das wir zu zeichnen hoffen." Networken, also Kontakte knüpfen und Informationen austauschen, das können arbeitslose New-Economisten in Berlin bisher nur, wenn sie sich unauffällig unter Jobinhaber mischen. Die Stadt bietet reichlich Gelegenheit dazu. Der Silicon City Club und der Verband E-nef organisieren einmal im Monat Workshops und Vorträge. Die Initiative Interface lädt alle vier Wochen zum Interface-Brunch ein. Und das Medienbüro Berlin-Brandenburg veranstaltet seit kurzem den vierteljährlich stattfindenden New Media Gipfel. Beim ersten Gipfel standen 450 Branchenvertreter oben im Glaswürfel der Friedrichshainer Oberbaumcity zusammen und taten im Wesentlichen nichts anderes als Networken. "Wenn ich meinen Job verlieren würde, würde ich das als Plattform nutzen", sagt Medienbüro-Sprecher Ulrich Schmid. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... Seit die Euphorie in der jungen Branche sich mit dem freien Fall der Börsenkurse in den letzten Monaten verflüchtigte, sank auch die Lust, spontan zu feiern. Jetzt kämpft jeder lieber für sich. Wer keinen Platz mehr in der Firma hat, behält allerdings sein Plätzchen in der Szene. Der Kontakt zu den Machern lässt sich auch im Berliner Nachtleben pflegen. "Im Greenwich in der Gipsstraße trifft man mit 50- bis 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit leitendes Personal einer wichtigen Internetfirma", verrät Idealo-Geschäftsführer Martin Sinner. Das Startup-Personal liebt auch das "Jubinal" und das "Keyser Soze" in der Auguststraße.

Verena Tobeck vom Organisationsteam des First Tuesday lokalisiert die Szenetreffs "in den Bars und Restaurants der Chausseestraße, der so genannten Silicon Street", denn dort sind viele New-Economy-Firmen ansässig. Zu Arbeitsessen treffe sich das First-Tuesday-Team allerdings gerne im "Cibo Matto" oder im "Barist" am Hackeschen Markt. Andere setzen sich gerne in die Cafés der Oberbaumcity, wo die Nachbarschaft zu Pixelpark und anderen jungen Medienunternehmen angenehme Synergien entwickelt.

Nachts ist das Networken im "Cookies" in der Charlottenstraße zur Zeit sehr beliebt. Die strenge Türpolitik sorgt für die gewisse Selektion. Andere Insider müssen Sonntagnachmittag unbedingt in den "Schwarzen Raben". Etwas abseits dieser szenigen Orte gibt es übrigens auch schon einen kleinen Stammtisch der Jobsucher. Seit dem Bankrott der Firma Virtual Heaven im Januar treffen sich die ehemaligen Kollegen jeden Mittwoch im "Prater" im Prenzlauer Berg. Nach Abschluss des Insolvenzverfahrens, blieben von 30 immerhin 15 Leute am Stammtisch, die sich als eingespieltes Produktionsteam gemeinsam bewerben. "Inzwischen tauschen wir vor allem Neuigkeiten über die Szene und auf der Ebene von Bewerbungen aus", erklärt Projektleiter Karsten Steinhoff.

Sein Team denkt auch an ein neues Netzwerk. Er vermutet weitere, in der Stadt versprengte Stammtische von Leuten ohne Internetfirma. Die suchen Steinhoff und seine Leute jetzt, um "anzudocken". Pink-Slip-Party-Veranstalter Lichtenberg hofft unterdessen auf die positiven Impulse seines Events. Die Vorbilder sieht er in Amerika, zum Beispiel in der New Yorker Szenekneipe "Rebar": Dort treffen sich jeden Mittwoch 300 bis 400 Leute ohne Job.

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