Berlin : Newtons erstes Motiv war der Funkturm

Trotz der Vertreibung durch die Nazis bekannte sich der Fotograf zu Berlin. Auch nach seinem Tod öffnet die Sammlung wie geplant im Juni

Andreas Conrad

„Ich freue mich auf mein Berlin.“ So endete das letzte Fax, das Helmut Newton am Donnerstag an den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, geschickt hatte. Mehrfach hatten sie in der Woche korrespondiert, um die Bauarbeiten in dem Gebäude in der Jebensstraße 3 abzustimmen. In wenigen Monaten wird es das Deutsche Centrum für Photografie (DCP) aufnehmen, mit der Sammlung des in Berlin gebürtigen Fotografen als Mittelpunkt.

Die Eröffnung ist am 3. Juni geplant, und da die Bauarbeiten wie gewünscht verlaufen, soll sich daran auch nach dem Tod Newtons nichts ändern. Es könne nun aber „kein freudiges Ereignis“ mehr sein, sondern werde ein „Gedenktag“ zu Ehren des Fotografen, wie Lehmann sagte. Wenn Newton in Berlin war, seien sie viel durch die Kneipen gezogen. Oft sei auch der mit Newton befreundete Sammler und Mäzen Heinz Berggruen dabei gewesen, und man habe sich gegenseitig von Erlebnissen und Plänen erzählt.

Der Fotograf und der Sammler hatten sich vor zwölf Jahren in Südfrankreich kennen gelernt. Berggruen beschrieb den toten Freund als „einen, der wusste, was er wert war, aber doch sehr bescheiden blieb“, erinnerte auch an seinen großen „sense of humor“, einen sehr trockenen Humor, „vielleicht typisch berlinisch“. Bergreuen war es gewesen, der Newton auf das alte Gebäude nahe dem Bahnhof Zoo hinwies, in dem seine Bilder unterkommen sollen: ein 1908/09 gebautes Offizierskasino, das 1954 bis 1994 von der Kunstbibliothek genutzt worden war. Nach jahrelangem Hin und Her war erst am 22. Oktober 2003 der Vertrag unterzeichnet worden, mit dem Helmut Newton und seine Frau June rund 1000 seiner Fotos als unbefristete Dauerleihgabe nach Berlin gaben. Die Negative sollten vorerst in Monte Carlo bleiben. „Wenn wir abgekratzt sind, geht alles nach Berlin“, hat Newton damals gescherzt.

Als „großen Künstler und großartigen Menschen“, der ein „Weltbürger“ und dabei „im Herzen immer ein Berliner“ gewesen sei – so würdigte Bundeskanzler Gerhard den Toten in seinem Beileidsschreiben. Die Sammlung werde ein „Glanzstück der Berliner Museen“, erwartet Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die den Toten als einen der wichtigsten Protagonisten der modernen Fotografie rühmte. Wie sie erinnerten auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und der Präsident des Abgeordnetenhauses, Walter Momper, an Newtons Bekenntnis zu Berlin. Er habe ihn als einen weitherzigen Menschen kennen gelernt, der seine Heimatstadt mit seinem Werk so großzügig beschenkt habe, obwohl ihn die Nazis vertrieben haben, sagte Wowereit.

Ein Berliner Wahrzeichen war Newtons erstes Motiv: der Funkturm. 1932, da war er zwölf, hatte er sich vom Taschengeld eine Kamera gekauft. Die ersten sieben Fotos hatte er in der U-Bahn verknipst, das Ergebnis war nachtschwarz. Die letzte Aufnahme aber gelang: ein nicht sehr kunstvolles Debüt.

Es waren – noch – glückliche Jahre, die behütete Kindheit eines Bürgersohnes. Am 31. Oktober 1920 war Newton als Helmut Neustädter in der elterlichen Wohnung in der Innsbrucker Straße 24, nahe dem heutigen Rudolf-Wilde-Park, geboren worden. Sein Vater hatte die Witwe eines Knopffabrikanten geheiratet und war selbst Unternehmer geworden. Die Wohnung war „so geräumig wie ein Haus“, wie Newton sich in seiner „Autobiographie“ (C. Bertelsmann Verlag, München 2002) erinnert. Er hatte ein Kindermädchen, wurde „verzogen“, war aber auch „süß“, allerdings von so zarter Gesundheit, dass er oft ohnmächtig wurde, „das kam so häufig vor, dass die anderen kaum noch Notiz nahmen“.

Seine frühesten Begegnungen mit der erotischen Fotografie verdankte er im Alter von sechs seinem Halbbruder Hans, der heimlich die Zeitschrift „Das Magazin“ studierte. Die Mutter unterband das fürs Erste, auf Dauer gelang es ihr nicht. Aber es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ihr Sohn im Atelier der Fotografin Yva in der Schlüterstraße 45 eine Ausbildung begann. Mit „passivem Widerstand“ hatte Helmut es geschafft, dass er von der Amerikanischen Schule am Nollendorfplatz abgehen durfte. Zwei Jahre in Berlin blieben ihm da noch, in denen die Repressionen für Juden immer stärker wurden. Seit den Nürnberger Rassegesetzen durfte sein Vater die Fabrik nicht mehr leiten, der Verhaftung nach der Reichspogromnacht entging sein Sohn nur, weil er sich zwei Wochen lang versteckte. Kurz danach half ihm ausgerechnet ein Gestapo-Mann, Papiere für die Ausreise zu bekommen. Nur das Nötigste packte Newton in den Koffer, Socken, Hemden, Anzüge – und zwei Kameras.

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