Berlin : Nice to see you

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Von Lothar Heinke

Die Eingeschlossenen in der Wilhelmstraße: Zufällig wohnt unser Reporter in jenem Gebiet, das beim Bush-Besuch zur Sperrzone wurde. Heute das letzte „Tagebuch einer Belagerung“.

Der Außenminister, der Botschafter, die ganze große Administration – alle kommen gut gelaunt aus dem Hinterausgang vom Adlon, nur er nicht, dessentwegen die MPs der Scharfschützen egalweg auf meinen Blumenkasten zielen, was einen ziemlich nervös machen kann, wenn man genau im Visier steht. Nein, er kommt aus der Tiefgarage, sitzt in einem der beiden Präsidentenstretchlimousinenautos, und kaum gleitet der schwarze Konvoi um die Ecke, tritt in der Sicherheitszone wieder jene unwirkliche Stille ein, mit der die City zu einer Geisterstadt erstarrt. Kein Leben auf dem Pariser Platz. Die Linden? Leergefegt. Das Adlon noch immer bewacht. Während George W. Bush längst beim Kanzler sitzt, tut die Polizei so, als käme unser teurer Freund um die nächste Ecke spaziert, um Hände zu schütteln („nice to see you!“) und zu sagen: „Hey, ooch ick bin ein Börliner“. Aber nichts geschieht. An den Absperrgittern stehen die gleichen Polizisten, mit denen ich mich am Abend zuvor fast geprügelt hätte. Zwanzig Mann und ein Befehl: „Sie dürfen hier nicht weitergehen!“ „Aber ich wohne doch dort vorn und stehe auf Ihrer Liste“. „Hier kommen Sie nicht durch“. „Und wie lange soll das dauern?“ „Länger“. Die Eingeschlossenen sind plötzlich die Ausgeschlossenen. Fast drei Stunden lang, von der Landung Bushs bis zu dem Moment, wo er Feierabend macht, in die Wanne der Präsi-Suite steigt und beim Schaumbad Fernsehen oder das Brandenburger Tor guckt. Selbst, als er, was jeder weiß, bei Theodor Tucher sitzt, lassen uns die uniformierten Befehlsempfänger nicht in unsere Betten. Alarmstufe 3 – da darf es keine „Menschenbewegung“ geben, nicht einmal fünf Meter ins nächste Haus. Um 22 Uhr 45 lässt man uns gnädig durch. Gestern, am letzten Tag, war es ähnlich. Erst als die Air Force One in Tegel abhob, durfte in der Wilhelmstraße wieder gelandet werden. Das war der Preis für das Leben in der Sperrzone. Danke, bis zum nächsten Mal.

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