Berlin : „Nich’ ausgeschlafen, oda was?“

Die Sitten im Nahverkehr sind rauher geworden. Zuweilen treffen sich Busfahrer und ihre Fahrgäste im Amtsgericht Tiergarten wieder

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Von Katja Füchsel

Zuweilen zählt der erste Augenblick, entscheidet über Freundschaft oder Feindschaft. Die beiden Männer jedenfalls ahnten schon beim Einsteigen an der Haltestelle nichts Gutes.

„Ich dachte, Mann, der hat schlechte Laune“, sagt der Ex-Busfahrer.

„Der Fahrer wirkte angetrunken, der hatte einen ganz roten Kopf“, sagt der Fahrgast. Jetzt sitzen sie sich gegenüber im Saal 862, Amtsgericht Tiergarten.

Sicher, ein Richter muss stets beide Seiten hören, doch das macht die Sache an diesem Morgen nicht gerade leicht. Unstreitig ist zunächst nur eines: Werner M. saß im Bus mit der Nummer 186, wollte an der Station Osdorfer Straße aussteigen, vergaß aber, rechtzeitig den Signalknopf zu drücken.

Zur Version Nummer eins. „Der Fahrgast ist sofort nach vorne gestürzt und hat sich tierisch aufgeregt und rumgepöbelt, warum ich nicht anhalte. Scheiß-BVGler, hat er gebrüllt.“

Version Nummer zwei. „Ich bin nach vorne gegangen und habe in normal-sachlichem Ton gefragt, warum er nicht angehalten hat. Da patzte er: Nich’ ausgeschlafen, oda was?“

Nummer eins. „Der Mann schrie: Immer dasselbe! Zu blöde! Diese Scheiß-BVG-Fahrer!“

Nummer zwei. „Ich sagte: So etwas kommt ja öfter vor. Das kennt man ja. Der Service lässt manchmal schwer zu wünschen übrig.“

Frank W., ein gebürtiger Berliner, sagt, dass er sich in seinem Beruf als Busfahrer an manches gewöhnen musste. In der Stadt gehe es eben „ziemlich ruppig“ zu, aber er könne schließlich nicht „jedermanns Rammbock“ sein. Also stieg Frank W. zwischen den zwei Stationen auf die Bremse.

„Ich sagte: Jetzt ist aber Schluss. Bitte steigen Sie hier aus!“Doch der Fahrgast, Bankangestellter, 54 Jahre alt, weigerte sich. „Das wäre doch verkehrswidrig gewesen! Ich habe auch meinen Stolz. Das war Trotz.“

Die Männer, die vor Gericht so unversöhnlich streiten, scheinen sich zumindest in modischer Hinsicht nicht ganz unähnlich zu sein: Oben tragen beide schwarz, unten beige, die Füße stecken in dunklen Halbschuhen. Werner M. sagt, dass ihn die Reaktion des Fahrers schockiert habe.

„Brummelnd“ sei er zu seinem Platz zurückgekehrt, habe eine Beschwerde bei der BVG-Chefetage angekündigt, dabei Zettel und Stift gezückt, um sich die Busnummer zu notieren. Da sei dann plötzlich der Fahrer aufgesprungen.

„Er rief: Du asozialer Penner! Wenn Du mich anmachst, kannst du was erleben!“

„Das ist aus meiner Sicht gelogen“, sagt der Angeklagte.

Doch die Tochter des Zeugen bestätigt: „Der Fahrer ist sofort aggressiv geworden.“

Jetzt fragt der Richter Werner M., ob er auch geschlagen wurde, so wie er es bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatte.

„Er hat mich so bei den Schultern gepackt.“

„Das ist doch kein Schlag.“

„Er ist aber nicht behutsam auf mich zugekommen. Ich hatte Schmerzen in der Brust. Und konnte wegen des Schocks zwei Nächte nicht richtig schlafen.“

Werner M. ist kein Mensch, der schnell vergisst. Er stellte Anzeige bei der Polizei. Beschwerde bei der BVG. Informierte die Presse. Als der Staatsanwalt die Sache einstellen wollte, legte er Widerspruch ein. Und dem Unternehmen des Busfahrers kündigte er an, den Vorfall „unnachgiebig weiterzuverfolgen“ – falls keine außergerichtliche Einigung erzielt werde.

Zwei Jahre sind seit dem Vorfall vergangen, inzwischen ist Frank W. aus „gesundheitlichen Gründen“ zur BVG-Betriebsaufsicht gewechselt.

Der Richter zieht den Brief aus der Akte. „Wollten Sie mit dem Hinweis auf die außergerichtliche Einigung einen finanziellen Vorteil aus der Sache ziehen?“ fragt er den Zeugen.

„Ach, was“, winkt Werner M. ab. Man wäre mal zusammen essen gegangen, hätte ein Bier getrunken, „dann wäre alles in Ordnung gewesen“.

Frank W. wirkt von dem Angebot nicht sonderlich angetan, auch der Richter unterbreitet einen anderen Vorschlag: 500 Euro soll Frank W. an die Opferhilfe „Weißer Ring“ bezahlen, nur dann lässt der Richter die Sache fallen. Es droht eine Verurteilung wegen Beleidigung.

Der Angeklagte schluckt, doch noch bevor er nickend akzeptiert, ruft sein Kontrahent fröhlich durch den Saal: „Damit bin ich einverstanden!“

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