Berlin : Nicht abbiegen!

Andreas Conrad

In der Urhorde war es sicher sinnvoll, dass auf der Mammutjagd alle Männer dem stärksten in ihrer Runde blindlings folgten. Seine Qualitäten versprachen fette Beute, wer könnte es da den Neandertalern verübeln, dass sie statt Einhaltung demokratischer Regeln dem Führerprinzip huldigten. Schon schwieriger war es, wenn sie alle demselben schönen Höhlenmädchen nachliefen, erinnerte ihre gemeinsame Leidenschaft doch fatal an den tödlichen Zug der Lemminge, die bekanntlich nichts vom Sturz in den nächstbesten Abgrund abhalten kann. Solche archaischen Verhaltensweisen sind heute nicht mehr gewünscht und dem individuellen Vorankommen eher hinderlich, wie jetzt ausgerechnet bei einem Straßenlauf, den in abgewandelter Form sicher schon die Urhorde kannte, zutage trat: Der prädestinierte, bereits im Endspurt begriffene Sieger vermag seine eigene Spitzenrolle nicht zu begreifen, sondern erkennt das vor ihm rollende und von der Siegerbahn abbiegende Uhrenfahrzeug instinktiv als Alphatier an, dem es blind zu folgen gilt – und koste es den Sieg. Man mag diesen Irrtum auf verfrühten Siegestaumel zurückführen, aber ist er nicht zugleich symbolhaft für unsere Zeit, muss er nicht Zivilisationskritikern exemplarisch erscheinen für den Götzendienst am Auto, das sinnverwirrend vor uns dahinrollt, ein falsches Objekt der Begierde? Der instinktiv verspielte Sieg – er ist nicht komisch, sondern tragisch, zumal kein Traumauto den Läufer narrte, nur ein Nutzfahrzeug.

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