Berlin : Nicht aufregend - aber lecker

Elisabeth Binder

Alte Potsdamer Str. 5, 10785 Tiergarten, Tel. 25 29 75 24, geöffnet: täglich ab 12 Uhr, Kreditkarten: keine AngabenElisabeth Binder

Wenn irgendjemand wirklich überhaupt keinen Grund hat, sich zu beklagen, daß er immer in die gleichen Läden geschleppt wird, dann ist das mein Begleiter aus Blankenese. Habe ich je einen Umweg gescheut, eine noch so entlegen wirkende Ecke gemieden, wenn es darum ging, ihn mit den kulinarischen Wundern unserer aufblühenden Hauptstadt bekannt zu machen? Und nun sitzen wir also auf dem brandneuen Potsdamer Platz im blitzfrisch aufpolierten Weinhaus Huth, und der Kerl fragt mit dem Ausdruck urtiefster Langeweile: "Wann waren wir eigentlich zuletzt hier?"

Mein "Noch nie" kam zunächst ein wenig empört heraus, aber nach einigem Nachdenken überwog die Milde. Wie soll denn auch ein Begleiter aus Blankenese oder sonstwoher noch alle unsere neuen Restaurants auseinanderhalten? Die meisten sehen aus wie geklont: so ein schwarz-weißer hölzerner Sparta-Look mit weißen Tischdecken; keine Blumen, keine Kerzen, dafür Wassergläser, so ein wuseliges Bistro mit Möglichkeit zum großen Lauschangriff auf den Nachbartisch. Es wird eine ganze Generation von Restaurants im Stil dieser zweiten Gründerzeit geben, die in zwanzig Jahren als hoffnungslos altmodisch und in etwa 35 Jahren als total cool und abgefahren gelten werden. Im Moment wirken sie einfach noch nicht so recht eingewohnt. Der Blick nach draußen fiel gerade noch auf ein paar übrig gebliebene Baustellenaccessoires, und Blankenese mutmaßte gleich, daß ich nur deshalb am Fenster sitzen wollte. Er ist davon überzeugt, daß die aus auswärtiger Sicht leicht perverse, aber durchaus typisch berlinische Baustellen-Obsession mich voll im Griff hat. (Tatsächlich wollte ich nur etwas gemütlicher sitzen, es gibt so furchtbar viele eng zusammenstehende Mitteltische hier. )

Die Karte ist nicht sonderlich aufregend. Vorweg gab es frisches Baguette-Brot und eingelegte Oliven. Originell immerhin Bouili, die Kraftbrühe aus dem alten Weinhaus Huth. Sie schmeckt wirklich nur nach Kraftbrühe, ist weder besonders salzig noch besonders kräftig und verblüfft in ihrer Schlichtheit (5 DM). Die Belon-Austern werden korrekt serviert, ohne Schnickschnack, aber dafür sind sie auch frisch, worüber also sollte man meckern? (6 Stück = 40 DM).

Eine Terrine Maison vereinigte in sich Lachs und Hecht, das darf sie. Außerdem war sie kühl und farblich hübsch abgesetzt und paßte auch noch insofern perfekt zum Ambiente als sie mit einigem Nachdruck die Frage aufwarf: Wann haben wir eigentlich zuletzt so eine Terrine gegessen? Noch nie, ich weiß, aber es kommt einem so vor, weil sie mit den allerartigsten Zeitgeist-Gewürzen zubereitet war (18 DM).

Der Hirschrücken mit grüner Pfeffersauce und Apfelrotkohl war auch so eine kleine Hymne an die neuen Gründerzeiten mit ihrem Baustellenappetit. Viel Fleisch, bißfester Rotkohl - keine Phantasie-Attacke, aber deutlich über Kantinen-Niveau (38 DM). Zum Abschluß gab es eine wahrhaft köstliche Gewürzcafé-Mousse mit Citrusfrüchten auf Vanilleschaum. Sowas findet man nicht zu oft, das kann bleiben, das schmeckt in 35 Jahren auch noch.

Es gibt, wie man das von einem Weinhaus erwarten darf, eine ganze Reihe gut trinkbarer offener Weine, es gibt aber auch Flaschen aus renommierten Häusern, und der Champagner kostet freundliche 14,50 DM. Und nun darf ich endlich mal eine Bitte äußern, die sich an alle Restaurantbesitzer richtet: Bitte deponieren Sie Ihre hustenden und schnupfenden Kellner in einem möglichst küchen- und gastraumfernen Bett. Gesundheitskostendämpfender Heroismus in dieser Berufsgruppe killt den Appetit der Gäste wie nichts. Wenn Sie als stille Gratis-Draufgabe auch ihre Köche vorübergehend vom Herd verbannen, solange sie grippig attackiert sind, wird die Göttin der Gerechtigkeit Ihnen vertrauenssehnsüchtige Gäste en masse in die Gasträume spülen.

Außerdem! Wenn an verschiedenen Tischen Leute sitzen, die wie Kellner aussehen und diesen Eindruck verstärken, indem sie tatsächlich der Tätigkeit dieses Berufsstandes gelegentlich nachgehen, im Prinzip aber alles dem angegriffensten Kollegen überlassen, macht das auch nicht den allerbesten Eindruck. Noch was vergessen? In jedes prämoderne Restaurant des ausgehenden Jahrtausends gehört ein originelles Bild. Hier zeigte es eine Kuh auf dem Gipfel. Je länger man darüber nachdenkt...

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