Berlin : „Nicht das Leben verderben lassen!“

Dass Allergiker sich im Frühling verbarrikadieren, davon hält Charité-Professor Zuberbier gar nichts. Ein Gespräch über den Stand der Forschung und Wege, trotz Pollenflugs glücklich zu werden

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Herr Zuberbier, es ist jedes Jahr das Gleiche: überall Tipps, wie man in der Heuschnupfenzeit dem Schlimmsten aus dem Weg gehen kann. Gibt es nicht bald ein Mittel, das dieses Leiden ganz abschafft?

Ich habe zumindest die Hoffnung, dass das in zehn oder 20 Jahren durch die Verbesserung der Immuntherapie möglich sein wird.

Was tun Sie an der Charite, um diesem Ziel näher zu kommen?

Wir arbeiten vor allem daran, den Allergen-Extrakt, den die Patienten bei einer Immuntherapie gespritzt bekommen, zu verbessern. Er soll so wenig Nebenwirkungen haben wie möglich. Außerdem betreiben wir viel Grundlagenforschung, um mehr über körpereigene Signale zu erfahren, die das Immunsystem wieder beruhigen können.

Was hat sich insgesamt in der Forschung getan?

Wir lernen die Zusammenhänge, die zu allergischen Reaktionen führen, immer besser verstehen. Ich möchte aber betonen, dass wir bereits auf einem Stand sind, der eine sehr gute Hilfe ermöglicht. Es gibt Antihistaminika-Präparate, die nicht mehr müde machen. Man kann schon jetzt mit dem, was wir an Medikamenten haben, beschwerdefrei durch die Saison gehen. Wir hatten noch keinen einzigen Patienten, dem wir nicht helfen konnten. Sorge macht mir aber, dass in Europa nur zehn Prozent der Betroffenen überhaupt zum Arzt gehen. In Deutschland leiden 30 Prozent der Bevölkerung, etwa 25 Millionen Menschen, unter allergischen Beschwerden, aber nur zweieinhalb Millionen von ihnen lassen sich ordentlich behandeln.

Warum ist das so schlimm?

Wenn der Heuschnupfen nicht behandelt wird, droht ein „Etagenwechsel“ von der Nase auf die Lunge, also allergisches Asthma. Das Risiko hierfür liegt bei 40 Prozent. Durch eine kontinuierliche Therapie mit Medikamenten kann man das aber verhindern. Die meisten Menschen glauben, es sei besser für den Körper, nur bei akuten Beschwerden zu Medikamenten zu greifen. Aber das ist falsch. Die spürbare Reaktion, der Schnupfen ist nur die Spitze einer Allergie.

Außer Tabletten zu schlucken – was kann ich gegen Heuschnupfen tun?

Zuerst einmal: Nicht das Leben verderben lassen, die Lebensqualität. Was man wirklich tun möchte, sollte man auch tun – zum Beispiel Sport im Freien. Wer als Allergiker joggen will, braucht vielleicht die doppelte Dosis seines Medikaments. Möglich ist es aber. Ich halte nicht viel von Ratschlägen wie „verbringen Sie den Tag am besten im geschlossenen Raum bei geschlossenen Fenstern“. Aber es gibt natürlich eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um so wenig wie möglich mit Pollen in Berührung zu kommen. Spezielle Filter im Auto lassen die Pollen nicht durch das Gebläse von außen nach innen dringen. Allergiker sollten ihren Urlaub nach Möglichkeit auf die Zeit legen, in der die Pollenbelastung zu Hause besonders hoch ist, am Meer oder in den Bergen ist sie oft niedriger. Die Kleidung, die man beim Waldspaziergang getragen hat, sollte man nicht neben sein Bett legen oder Wäsche unter einem blühenden Birkenbaum trocknen.

Was ist mit Haarewaschen vor dem Schlafengehen, um sie von Pollen zu reinigen?

Das kann sinnvoll sein. Ich halte es aber nicht unbedingt für nötig. Um Pollen aus der Wohnung zu bekommen, empfiehlt es sich, oft und gut Staub zu saugen. Außerdem gibt es sehr gute Putztücher, die die Allergie auslösenden Stoffe von glatten Flächen abnehmen.

Welchen Einfluss hat die Psyche? Kann man sich in eine Allergie hineinsteigern?

Die Psyche spielt bei allen Krankheiten eine Rolle. Je besser man gestimmt ist, desto besser kann man mit einem Leiden umgehen. Die Auslösung einer Allergie hat zwar nichts mit der Psyche zu tun – wohl aber das Erleben und sogar die Wiederauslösung. Studien haben gezeigt, dass allein das Foto einer Katze bei einem Katzenhaarallergiker einen Asthmaanfall verursachen kann.

Allergien sind nach wie vor weltweit auf dem Vormarsch. Woran liegt das?

Es stimmt: Wir haben in den vergangenen 20 Jahren eine immense Zunahme von Allergien beobachten müssen. Und die Zahl der Allergiker steigt weiter, zwar langsamer als bisher, aber wann das Ende erreicht ist, wissen wir nicht. In einigen Industrieländern sind schon über 50 Prozent der Bevölkerung betroffen. Die einfachste Erklärung ist die Hygiene-Theorie: Weil unser Körper nicht mehr so stark mit gefährlichen Bakterien in Berührung kommt, sucht er sich neue Feinde. Ein Faktor ist wahrscheinlich auch die Klimaerwärmung. Sie sorgt dafür, dass der Pollenflug heute intensiver ist als früher – und länger andauert. Außerdem haben Abgase, etwa von Dieselmotoren, die Pollen aggressiver gemacht. Um sich zur Wehr zu setzen, verändern die Pflanzen ihre Inhaltsstoffe. Eine Birke, die an einer stark befahrenen Straße steht, produziert viel mehr Reizstoffe als ein Baum auf der grünen Wiese.

Dann sollten Kinder auf dem Bauernhof aufwachsen?

Na ja, das Risiko, zum Allergiker zu werden, hat viel mit den Erbanlagen zu tun. Normalerweise liegt es bei 30 Prozent. Ist ein Elternteil Allergiker, steigt es auf 45, sind beide Eltern betroffen, sogar auf 60 Prozent. Die vielleicht wichtigste Maßnahme ist, dass die Eltern während der ersten Lebensjahre des Kindes nicht rauchen.

Torsten Zuberbier , 44 Jahre, ist Professor für Dermatologie, Sprecher des Allergie-Zentrums der Charité und im Beirat oder Vorstand aller großen Allergieforen. Mit ihm sprach Björn Rosen.

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