Berlin : „Nicht dort kürzen, wo Berlins Zukunft liegt“

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DAS AKTUELLE INTERVIEW

MARTIN LINDNER

ist Fraktionsvorsitzender der FDP im Berliner

Abgeordnetenhaus.

Mit dem 39-jährigen

Juristen sprach

Werner van Bebber

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Lindner, unterstützt die FDP die harte Linie des Senats im Umgang mit den Studentenprotesten?

Die unterstützen wir überhaupt nicht. Hier wird an der völlig falschen Stelle gespart. Es gibt große Bereiche, die der Senat links liegen lässt. Das ist eine systematische Verwaltungsreform. Ein deutliches Reduzieren der Vorschriften und ein damit einhergehender Stellenabbau im öffentlichen Dienst bringen Milliarden-Einsparungen. Das bringt Berlin weiter. Man darf aber nicht dort kürzen, wo unsere Zukunft liegt: In Bildung und Wissenschaft.

Warum ist eine ausreichende Finanzierung der Hochschulen so wichtig?

In einem Stadtstaat wie Berlin entstehen Arbeitsplätze vor allem rund um den Wissenschaftsbereich, zum Beispiel durch die Gründung von neuen Instituten. Entgegen den anderen Bundesländern haben wir keinen Agrarsektor und kaum Industrie. In der Wissenschaft liegt das Zukunftspotential dieser Stadt. Hier zu sparen grenzt an Schwachsinn. Allerdings können auch die Universitäten viel mehr für Lehre und Forschung ausgeben, etwa wenn sie ihre Verwaltung und das Gebäudemanagement effizienter gestalten.

Wie könnten denn vernünftige Finanzierungsmodelle für Universitäten aussehen?

Da kommt es auf dreierlei an: Erstens ein deutlich stärkeres Engagement des Staates. Nehmen Sie zum Beispiel die New Yorker Columbia University, die größte amerikanische Universität. Trotz Studiengebühren und enormer Einnahmen aus der Wirtschaft und Vermögensverwaltung investiert der Staat New York etwa viermal so viel wie Berlin in jeden Studienplatz dieser privaten Uni. Daran sieht man: Es ist auch in den USA eine Aufgabe der Gemeinschaft, für ausgezeichnete Studienplätze zu sorgen. Zweitens muss sich die Wirtschaft stärker engagieren. Dafür müssen wir Rahmenbedingungen schaffen und mit Stiftungsmodellen für ein größeres Engagement der Wirtschaft sorgen und so Kooperationen mit den Universitäten ermöglichen. Drittens brauchen wir Studiengebühren, die so gestaltet sind, dass Studieren keine Frage des Geldbeutels wird. Die Studiengebühren müssen den Universitäten zusätzlich und unmittelbar zugute kommen, am besten sogar direkt den einzelnen Fakultäten. Dann sieht und spürt der Student den Nutzen, den seine Gebühren stiften. Die Studenten erwarten von anderen mehr Engagement für ihre Ausbildung - zu Recht. Aber sie müssen auch selbst einen Beitrag leisten. Spitzenqualität an unseren Unis erreichen wir nur, wenn alle mithelfen: Staat, Wirtschaft und Studenten.

Was erwarten Sie: Wird der Protest bald zusammenbrechen - oder verschärft er sich, weg von den eher humorvollen Aktionen zum Krach mit der Polizei?

Ich wünsche mir, dass Teile der Studentenschaft die Sympathie nicht verspielen, die viele empfinden, auch die FDP. Etwa durch die unsinnige Forderung nach Viertelparität in den Gremien. Die Studenten sollten auch rechtswidrige Aktionen wie das Besetzen von Büros oder Pöbeleien wie am Donnerstag vor dem Maritim-Hotel bleiben lassen. Auch rechtmäßige Aktionen wie „Bildung geht baden“ erregen Aufmerksamkeit.

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