Berlin : Nicht in Dosen

Bernd Matthies

über den Glauben an die Kraft der Reserve Eine typische Eigenart des eingeborenen Berliners ist sein unverbrüchlicher Glaube an die Reserve. Irgendwo ist immer noch irgendwas, denkt er, vermutlich ein geistiger Restbestand aus den geschützten Zeiten der Stadt. Der Hauptstadt der DDR konnte sowieso nichts passieren, und West-Eingesessene erinnern sich noch gut an die hohe Zeit der Senatsreserve, eines gewaltigen Lagers von Büchsen und Tüten, das gereicht hätte, um eine erneute Blockade ganz ohne Rosinenbomber zu überstehen; die legendären Dosen mit Schmalzfleisch kamen aber auch in Friedenszeiten in die Läden, wenn ihr Haltbarkeitsdatum nahte.

Die Debatte um Sarrazins Schulden erinnert daran. Sie wird geführt, als gäbe es für Kriegszeiten noch irgendwo einen Bunker, gefüllt mit Geld, und als ließe sich dessen Inhalt je nach Haltbarkeit nach und nach in den Haushalt einspeisen. Kaum heißt es vage, der Finanzsenator habe doch irgendwo zu pessimistisch gerechnet, springen sofort diverse Interessengruppen auf und verteilen dieses imaginäre Geld doppelt und dreifach. Nur ungern und unter heftigem Protest wird zur Kenntnis genommen, dass es dabei immer noch um gigantische Schulden geht. Und nicht um Schmalzfleisch in Dosen.

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