Berlin : Nicht jeder Nervenkrieg ist zu gewinnen

SEK-Chef Martin Textor geht in den Ruhestand: Die Geiselnahme in einer Bank und die Flucht der Gangster durch einen Tunnel war sein spektakulärster Fall

Pieke Biermann

Er hat sie alle gehabt. Was immer in Berlin seit 1973 an Schwerstkriminalität passiert ist, Martin Textor war dabei. Zunächst als Leiter eines der vier Teams, aus denen das Spezialeinsatzkommando (SEK) bis heute besteht. 1981 wird er Leiter SEK/PSK: Chef von SEK und Präzisionsschützenkommando. 1992 bekommt er als Inspektionsleiter das Mobile Einsatzkommando (MEK) und andere operative Einheiten dazu und 1996 wird er Chef des gesamten LKA 6, zuständig für alle operativen Dienste. Dazu gehören jetzt außerdem Personen- und Intensivfahndung, verdeckte Ermittlung, spezielle Einsatztechnik, bundesweite und internationale Kooperation, Kriminalaktenverwaltung.

Eine bundesweit einmalige Karriere in den Spezialkräften. Für Textor kein Zufall. Es ist „sein Ding“, er ist „der Typ“ dafür. Als die Länderpolizeien 1972, nach dem verheerenden Ausgang eines Banküberfalls mit Geiselnahme und der palästinensischen Terrorattacke auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München, mit dem Aufbau von Spezialeinheiten begannen, stieg in West-Berlin der damalige Polizeipräsident Klaus Hübner sofort in den Ring. Und mit ihm Martin Textor. „Er war der Vater des SEK, ich war sein Ziehkind, das damit erwachsen werden durfte“.

Ab 1987, nach der Ära Hübner, wurde Textor treibende Kraft und wuchs daran. Ein Mann des Handelns und der klaren Entscheidung, der dem SEK eine einzigartige Richtung gab und sich darüber notfalls mit Kollegen anderer Länder anlegte. Das Berliner SEK erhält seine Aufträge nach dem Motto: „Wenn der Bürger nicht mehr weiter weiß, ruft er die Polizei. Wenn die Polizei nicht mehr weiter weiß, ruft sie das SEK.“ Deshalb sind Berliner SEKler keine „Elitetypen“, sondern haben „immer noch so’n bisschen Straßenschmutz“ an sich, wie es der frühere Kommandoführer Axel Last ausdrückt. Training durch den Ernstfall. Textors „Philosophie“ bei Einsätzen ist ebenso klar: Den Opfern muss schnell geholfen werden. Betonung auf schnell. Er legt großen Wert auf Verhandlungen, er selbst hat das Verhandlerteam ab 1979 mit aufgebaut. Aber er sucht in jeder Lage nach dem „schnellen, risikoarmen Zugriff“.

Trotzdem ist Textor kein cooler Macher oder gar harter Hund. Er strahlt eine souveräne Gelassenheit aus, die aus tiefer innerer Überzeugung und aus langen, auch emotional schweren Erfahrungen kommt. Sein SEK-Leiter Jörg Manske hält für seine herausragende Eigenschaft „Sozialkompetenz, seine offene Art, mit anderen Meinungen umzugehen“. Für Norbert Gersonde, den Leiter des Dezernats 63 (MEK/SEK/PSK), ist es „sein sportlich-faires, positives Naturell, das seine Art bestimmt, mit Mitarbeitern und mit Opfern umzugehen“. Er ist ein talentierter Deeskalierer. Er kann kesse Sprüche ebenso wie schlichte, auch wortlose Empathie. Weinen kann er auch. Er nimmt eine ehemalige Geisel mit nach Hiltrup zur Fortbildung für Spezialpolizisten aus anderen Ländern und er hält Kontakt zu allen, die das möchten.

Über 25 Geiselnahmen, Entführungen und Erpressungen hat Textor erlebt, oft als Einsatzleiter. Der Banküberfall auf die Commerzbankfiliale in Schlachtensee im Juni 1995 gehört dazu. Vier Täter hatten 16 Geiseln in ihrer Gewalt. Ein siebzehnstündiger Nervenkrieg. Ein Beamter musste sich zur Übergabe fast nackt ausziehen. Eine Geisel wurde ins Fenster gesetzt, sie sollte erschossen werden, falls die Polizei sich nicht an Absprachen hielt. Als das SEK die Bank stürmte, waren die Gangster durch einen Tunnel verschwunden. „Die professionellsten Gegner, die ich je hatte“, sagt Textor.

Im Oktober 1999 reißt ein junger Algerier einen dreijährigen Jungen auf dem U-Bahnhof Kottbusser Tor von der Hand seiner Mutter, hält ihm ein Küchenmesser an den Hals und stellt unerfüllbare Forderungen. Die Verhandlungen sind extrem belastend, der Mann ist religiös verquer. Zum ersten Mal wird in Berlin der „finale Rettungsschuss“ erlaubt. Für Textor die Übernahme von Verantwortung durch die Politik, die er bis heute fordert. Dennoch löst ein SEK-Beamter die Situation nach sechs Stunden Anspannung nur mit einem gezielten Tritt gegen den Täter. Darauf ist Textor stolz.

Im April 2003 kapert ein notorischer Straftäter einen BVG-Bus und fährt mit zwei Geiseln durch die Stadt, bis das SEK nach vier Stunden den Bus stürmen und die Geiseln befreien kann. Der Täter wird angeschossen. Den ersten tödlichen Schuss hatte ein SEK-Beamter im Januar 2001 abgegeben. Notwehr. Er konnte nicht erkennen, dass es nur eine Schreckschusspistole war, mit der ein Supermarkträuber auf ihn zustürmte. Im April 2003, die Busentführung ist gerade grandios gemeistert, wird zum ersten Mal ein SEK-Beamter beim Einsatz getötet.

Der Tod eines Kollegen wirkt in den Teams bis heute nach. „Das schüttelt man nicht aus den Kleidern“, sagte Textor, „bei manchen wissen wir nicht, ob sie ihren Dienst wieder antreten können.“ Höhen, Tiefen. Auch Schüsse und ein Sprengstoffanschlag auf ihn gehören dazu. Dabei arbeitete Martin Textor, der Sohn des ebenfalls berühmten Werner Textor, der in den wilden 60er Jahren das Diskussionskommando der Polizei leitete, am liebsten nach dem Motto: „Unsere beste Waffe ist das Wort.“

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