Berlin : „Nicht mehr alles entschuldigen“

Was unsere Leser zum Thema Aggression und Pöbeleien meinen

Tim Karsten[Moabit]

Ich finde es unerträglich, wie hier pauschal Ausländer, vor allem „türkisch-arabische“ Jugendliche diskreditiert werden. Studien haben ergeben, dass Ausländer(-kinder/jugendliche) öfter vorab verdächtigt werden und pauschal in ein Milieu nahe der Kriminalität und inneren wie äußeren Verwahrlosung gerückt scheinen, was, selbst wenn es so wäre, meines Erachtens nach den Gründen dafür zu hinterfragen gebiete. Jedenfalls bin ich mal gespannt, wie die Nachrichten auf den Hamburger Fall reagieren, wo auch sofort die bösen (immerhin deutschen) Jugendlichen vorverurteilt wurden. Nach neuesten Erkenntnissen hatte der Verstorbene die Jugendlichen zuerst angegriffen.

Natürlich gibt es Leute mit einer Wut im Bauch und solche, deren Verhalten uns missfällt. Aber müssen wir diese Wut noch anfachen, indem wir sie demütigen? Ich habe einige Erfahrungen gemacht, wo es anders gelaufen ist: Zwei Männer setzen sich in der U-Bahn zu einem ausländischen Mann mittleren Alters. Provozieren ihn mit Bemerkungen, kommen ihm zu nahe. Die Fahrgäste schauen weg. Ich spreche die zwei an: „Lasst den Mann in Ruhe.“ Ich sage es nett, sie wenden sich mir zu, sind verlegen, sich in den Augen einer Frau offenbar blamiert zu haben, lassen von dem Mann ab. Ich wurde auch in anderen, ähnlichen Situationen nicht beleidigt, bedroht oder angegriffen. Der Knackpunkt dabei ist, dem anderen freundlich und als Gleichem zu begegnen. Vielleicht sollten wir der Debatte mal einen kritischen Schwenk in Richtung unserer lieblosen Leitkultur geben. Eva Eckmiller

Vor wenigen Wochen wurde ich Zeuge von Schmierereien in der oberen Etage eines Doppeldeckers. Nicht, dass die beiden deutschen Jugendlichen damit aufhörten, als ich sie anschaute. Sie schienen gar nicht zu wissen, dass es Passagiere gibt, die solche Sauereien äußerst uncool finden.Als der Busfahrer die Polizei rief, ging der ganz große Bahnhof mit mehreren anrückenden Streifenwagen los. Die Polizisten waren nett und ließen mich schnell gehen. Zwei Wochen später meldete ich mich bei der BVG, um zu sehen, ob sie ihr Versprechen einhält, wachsame und couragierte Bürger zu belohnen. Bis heute ist nichts passiert. A.W.

Ich habe vor zwei Jahren in einem (vollbesetzten!) BVG-Bus zwei Jugendliche angesprochen, weil ich sah, wie sie den Bus mit Eddingstiften verzierten. Auf meinen Hinweis, dass ich das jetzt dem Busfahrer melden würde, bekam ich die Antwort: „Wenn du das machst, bekommst du ein Messer in den Bauch!“ Damals hielt ich es für einen schlechten Scherz und habe erstaunt gelacht und bin mit weichen Knien schnell zum Busfahrer gelaufen. Dieser hielt die Türen zu und verständigte die Polizei. Die beiden bekamen eine Anzeige. Von der viel gepriesenen Belohnung couragierter Bürger war bei der BVG nie mehr die Rede… Ich glaube, dass ich mich heute nicht mehr trauen würde, etwas zu sagen, weil diese Drohung leider schon viel zu oft wahr gemacht wurde. C. Müller, Pankow

Danke für die Diskussion, es wird Zeit, dass nicht immer alles entschuldigt wird, wenn Menschen Regeln des Zusammenlebens missachten. Grenzen zeigen und Auseinandersetzung mit Heranwachsenden sind äußerst anstrengend und oft unerfreulich. Ich finde, Eltern unterlassen diese Form der Persönlichkeitsbildung oft, weil ihnen vermutlich die Zeit und die Kraft dafür fehlen. Ich wünsche mir, dass ich mich bei der BVG-Nutzung wieder mehr über die „Jugend von heute“ freuen kann. So cool wie die meisten tun, sind sie ja in Wirklichkeit nicht. Anke Boche-Koos

Hat unser Regierender Bürgermeister auch eine Meinung zu diesem Thema, das die Berliner so aufwühlt? Ich vermisse immer wieder bei unseren Volksvertretern einen vorgebrachten Standpunkt zu den alltäglichen Problemen, aus dem Signale für kommunalpolitisches Handeln hervorgehen würden – Herr Buschkowsky ist wohl leider die Ausnahme. Hella Schacher, Zehlendorf

Ich bin ganz und gar dagegen, dass nach den allseits beschimpften Lehrern jetzt auch die sogenannten Normalbürger den Eltern und Familien - egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – die Erziehung ihrer Kinder abnehmen sollen. Ich bin täglich als Berufspendlerin in öffentlichen Verkehrsmitteln und Regionalbahnen unterwegs und würde mich hüten, wem auch immer das (für mich selbstverständliche) alltagsverträgliche „Benehmen“ beizubringen. Dass ich aber mich sexistisch beleidigende Jungs mit Migrationshintergrund selbst mit „Respekt“ begegnen soll, nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich bin geschätzt etwa im gleichen Alter wie deren Mütter, und da möchte ich doch gerne mal erleben was passierte, würde eine Gruppe von Einheimischen deren weibliche Angehörige verunglimpfen. Ich lasse mich nicht mehr provozieren, wenn ich allein bin, würde aber versuchen, mich mit anderen Mitmenschen zu solidarisieren. Benehmen habe ich allerdings nicht in der Schule oder im Zug gelernt, der ist zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits abgefahren. Beate Zupan, Tempelhof

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