Berlin : Nicht nur Engelsstimmen - Rundfunk-Kinderchor wird 45 und lädt zum Konzert

Carsten Niemann

Diesem Jubilar sieht man nicht an, dass er in die Jahre gekommen ist. Kein Wunder, wenn es sich um einen Kinderchor handelt. Und so werden die meisten Jugendlichen, die hier im Chorsaales des Friedrichshainer Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums für das heutige Konzert zum 45. Jubiläum proben, das 50. Wiegenfest ihres Chores schon fast im Erwachsenenalter erleben.

Die Wand des Probensaales ist gepflastert mit Andenken: Da hängen Zierteller neben ernsten Urkunden über Ehrenmedaillen und in einer Virtrine verstaubt ein bunt bemaltes Holzmodell vom Kreml. Darüber künden Plakate von der legendären Japan-Tournee. Und immer wieder, in allen Größen, mal vergilbt, mal auf Hochglanz: der Rundfunk-Kinderchor auf dem Podium des Schauspielhauses bei seinem traditionellen Weihnachtskonzert.

Gegründet wurde der Chor 1955 im Auftrag des Deutschlandsenders. Zum Leiter wurde der Mann auserkoren, der auch noch heute sein Ensemble leitet: Prof. Manfred Roost. Eine Entscheidung mit Weitblick, denn damals war Roost nicht etwa als Musiker, sondern als Redakteur beim Rundfunk angestellt. Heute, nach 45 Jahren, darf Roost seinen Eleven noch immer an Vitalität in nichts nachstehen. Denn wer den Kids des Jahres 2000 in der drückenden Hitze des heißesten Maitages ein musikalisch inspiriertes "Sei mir gegrüßt viel tausendmal, holder, holder Frühling" abringen will, kann es sich nicht auf seinem Dirigierstuhl bequem machen. Der Chorleiter springt also auf, und siehe da - nach nur zwei Durchläufen hört man es der romantischen Weise an, dass sich die jungen Sänger von Roosts kindlicher Begeisterung haben anstecken lassen.

Wer im Rundfunk-Kinderchor mitsingen will, muss Schüler des musikbetonten Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums sein, einer Schule, in der neben intensivem musikalischen Training der Unterricht in einem musikalischen Ensemble sogar Verpflichtung ist. Von den Interessierten kann Roost sich Jahr für Jahr etwa 16 Neue aussuchen: Nachwuchssorgen gibt es für seinen Chor also nicht. Und das wie selbstverständlich wirkende Engagement der Schüler hat für viele einen Grund: Wer hier mitgesungen hat und Musiker werden will, braucht sich um die gefürchteten Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen wenig Sorgen zu machen. Zum Erfolg des Chores gehört, dass sich Ehrgeiz und Spass verbinden lassen: Geboten werden den Kindern immerhin Tourneen, Rundfunkaufnahmen, CD-Produktionen und Konzerte mit Spitzendirigenten: so wie etwa 1995 Gustav Mahlers Dritte Sinfonie mit Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern. Und wer mit einem Kinderchor noch immer liebliche aber womöglich uncoole "Engelsstimmen" verbindet, unterschätzt die Bandbreite und Schwierigkeit der Literatur für Kinderstimmen. Die Musiker-Kollegen und Verantwortlichen der Rundfunkanstalten jedenfalls wissen die professionellen Qualitäten des Rundfunk-Kinderchores zu schätzen und ziehen ihn als Spezialensemble für anspruchsvolle Neue Musik heran - man sieht es eben selbst dem Repertoire nicht an, dass der Jubilar in die Jahre gekommen ist.Jubiläumskonzert des Rundfunk-Kinderchores heute, 19 Uhr im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Karten: 2030921-01.

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