Berlin : Nicht nur in der Innenstadt wurde protestiert

Susanne Vieth-Entus

Demo am Brandenburger Tor, Demo vorm Roten Rathaus. Vertraute Bilder. Demo in der Gropiusstadt: überhaupt nicht vertraut. Ganz still, nur durch gelegentliche Trillerpfeifen unterbrochen, schieben sich rund 100 Lehrer mit Plakaten gegen 9 Uhr über den Bürgersteig der Fritz-Erler-Allee. Ihr Ziel ist die Helmholtz-Oberschule in der Wutzkyallee, wo sich schon Kollegen anderer Schulen versammelt haben.

Das Helmholtz-Gelände musste gestern als improvisiertes Streiklokal für den Rudower Bereich dienen, weil der Jugendstadtrat die Nutzung der dortigen Jugendfreizeitstätte durch die GEW untersagt hatte. So steht man denn frierend vor der Schule, wärmt sich die Hände am Kaffee, bevor es zur Kundgebung in die Stadtmitte geht.

Die Stimmung wirkt nicht kämpferisch. Dass so ein Streik im Schnitt nur alle zehn Jahre vorkommt, ist nicht zu spüren. Selbst die "solidarischen Worte" des bündnisgrünen Abgeordneten Michael Cramer, der hergeeilt war, vermochten niemanden zu begeistern. "Wenn Böger nicht in der Regierung wäre, stünde er auch da vorne und würde seine Solidarität verkünden", kommentierte ein genervter Lehrer.

Gefragt, warum sie trotz der angedrohten Strafen streiken, sagen alle das Gleiche: Es gehe eben nicht nur um die eine Stunde mehr Unterrichtsverpflichtung, sondern um alle Verschlechterungen der letzten zehn Jahre. Lehrerinnen vom Förderzentrum für Sprach- und Körperbehinderte nennen als Beispiel die 2000 Mark, die sie im Schnitt pro Jahr aus eigener Tasche zahlen, um etwa Spiele zu beschaffen, die Gefährdung der Schulspeisung, seitdem die Subventionierung auf Null reduziert wurde, die Aufwendungen für Klassenfahrten, die nicht mehr bewilligt würden, wenn die Lehrer nicht bereit seien, ihre Reisekosten selbst zu tragen.

Bernhard Künne, Sonderpädagoge von der Schule am Zwickauer Damm, der früher unter anderem als Polizist und Erzieher arbeitete, sagt, die jetzige Tätigkeit sei das "Stressigste", was er je gemacht habe. Irene Lutz, Sonderpädagogin der Bruno-Taut-Schule, bedauert, Schulsenator Böger könne sich die Verhältnisse, die etwa in Neukölln herrschten, "nicht vorstellen".

Von der Martin-Gropius-Schule waren nicht nur Lehrer, sondern auch zwei Schülerinnen gekommen. Während ihre Mitschüler "im Bett geblieben waren", wollten die Zehntklässlerinnen Stefanie Ritter und Stefanie Funke vor allem dafür demonstrieren, "dass junge Lehrer eingestellt werden".

Die streikenden Lehrer der berufsbildenden Schulen versammelten sich nicht in den dezentralen Streiklokalen, sondern allesamt in der Alten Feuerwache in Kreuzberg. Während es von dort aus zum Roten Rathaus geht, erzählt Geert Orth (Annedore-Leber-Schule) von akutem Raummangel und davon, dass das Geld für Lehr- und Lernmittel fehle. Nur drei Unterrichtsstunden pro Woche würden für die Betreuung von 120 Computern erlassen. Angesichts der absehbaren weiteren Verschärfung der Situation habe sie "viel weniger Angst vor der Arbeitszeiterhöhung als vor den nächsten 20 Jahren", wirft seine Kollegin Cornelia Hildebrandt ein und weist noch auf die 1500 Mark für die jährliche Fortbildung hin, die sie selbst bezahlen müsse.

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