Berlin : Nicht Prinzgemahl, sondern Förderer im Hintergrund

Günter Stahmer suchte nicht das Licht der Öffentlichkeit, das überließ er seiner Frau Ingrid. Zum Tode eines Mannes, der vielen jungen Menschen ein Vorbild war

Elisabeth Binder

Seinen letzten Geburtstag im Januar hat Günter Stahmer mit seiner Frau Ingrid im Kreise seiner vielen jungen Freunde gefeiert. Er ahnte, wusste vielleicht, dass er nicht älter werden würde als 68. Die Krankheit war einfach nicht früh genug erkannt worden. Wie auch bei einem sportlichen, gut aussehenden Mann, der jünger wirkte, als er eigentlich war. Der mit intensiver Entdeckerfreude seine vielen Hobbys betrieb. Dessen skeptischer Humor so fröhlich augenzwinkernd rüberkommen konnte. Er hatte Prinzipien, das wohl, und denen ist er immer treu geblieben. In der Innenverwaltung war er ein hoch angesehener Abteilungsleiter, zuständig für Feuerwehr und Ausländerangelegenheiten. Nach der Pensionierung 1997 widmete er sich mit wissenschaftlicher Akribie seinen Hobbys. Günter Stahmer war der Typ, der Chinesisch lernte, um mehr über Porzellan zu erfahren. Er liebte Orgeln und lernte in den letzten Jahren noch Klavierspielen.

Für seine Frau Ingrid Stahmer war er der klügste Mensch überhaupt. Anders als er stand sie in der Öffentlichkeit, spielte eine gewichtige Rolle in der Berliner Politik, als Stadträtin zunächst, später lange Jahre als Senatorin. Spätestens als sie gegen Eberhard Diepgen um das Amt des Regierenden Bürgermeisters antrat, wurde überall die Frage diskutiert, wie denn ihr Ehemann sie dabei zu unterstützen gedächte. Da war Monika Diepgen, die mit ihrem Charme jeden sozialen Patzer ihres Mannes sofort ausbügelte. Und wo war Günter Stahmer?

Der war seinem Umfeld in der modernen Welt weit voraus. Hatte sich jahrelang „Prinzgemahl“-Bemerkungen angehört und immer betont sachlich darauf reagiert. „Ein offenbar tradiertes Bild“, kommentierte er geduldig in seiner geradlinigen Art. Er könne schon deshalb während der Dienstzeit nicht für seine Frau repräsentieren, weil das in seinen Geschäftsvereinbarungen schlicht nicht vorgesehen sei. Dass er nicht immer nur so hundertprozentig vernünftig und streng sachlich war, wie er gerne redete, verrieten seine lustigen Augen.

Immerhin bekannte er sich dazu, seine Frau privat zu unterstützen, wie man das in einer guten Ehe eben tut. Schließlich war er eher in die SPD eingetreten als sie. Die Arbeitsaufteilung im Haushalt war ebenfalls modern. Er, aus Passion mit dem ihm eigenen Perfektionismus zum Gourmet-Koch gereift, war fürs Essen zuständig, sie für die Wäsche. Als Ingrid Stahmer sich schließlich aus der Politik zurückzog, blieb endlich mehr Zeit für Privates, die gut und bewusst genutzt wurde.

Bei aller Korrektheit hatte Günter Stahmer eine ungeheuer motivierende Ausstrahlung, der sich auch die Mitarbeiter des Vereins HomeCare und der Sozialstation Friedenau nicht entziehen konnten, die seiner Frau engagiert und selbstlos halfen, ihm einen Krankenhausaufenthalt zum Schluss zu ersparen.

Was ist in schweren Zeiten besser als ein zuverlässiger Kreis von wirklich guten Freunden? Günter Stahmer hatte viele junge Leute gefördert und gefordert. Einerseits war er ein Meister darin, andere auf Abstand zu halten, andererseits zu großer Zuwendung und Freundschaft fähig, wenn er jemanden wirklich mochte.

Als es zu Ende ging, waren viele der engsten Freunde da, um sich zu verabschieden. So traurig der Tod ist, die Stunde des Abschieds passte doch zu einem durch und durch sozialen Menschen, der sich gleichzeitig traditionellen wie auch modernen Werten verpflichtet fühlte. Günter Stahmer starb am Ende eines guten Gespräches im Kreise seiner Wahlfamilie.

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