Berlin : Nichtjüdisches Ensemble spielt erfolgreich jiddische Musik

wik

Nordamerikaner spielen Latin Music, Russen haben den Blues, Iren singen Chansons und Franzosen Irish Folk - im Zeitalter der Stilverschmelzungen ist das nichts außergewöhnliches. Musikalische Grenzen werden nicht eingerissen, sondern ignoriert. Das gilt auch für den jüdischen Folk, die Klezmermusik.

Der Musiker Joachim Johow und der Texter Jörg Hensel sind nicht nur Klezmerfans, mit ihrem (nichtjüdischen) Ensemble KlesMischpoche, einem Zweig der Reinickendorfer Kulturinitiative Labsaal, spielen sie jüdischen Folklore - höchst erfolgreiche dazu. Ihre jiddischen Musicals "Masltov" und "Oifn Jrid" waren stets ausverkauft, derzeit probt die Mischpoche das Stück "Heimwärts gen Eden", ein satirisches "Klezmusical", das 2000 Premiere feiern soll.

Erstmals hat sich das Ensemble Anfang der neunziger Jahre mit jüdischer Folklore beschäftigt. Faszinierend an Klezmer sei die Ambivalenz, der umstandslose Wechsel von überschäumender Fröhlichkeit zu tiefer Melancholie und die Vielschichtigkeit dieser Musik, sagt Johow.

Der direkte Zugang zu ihr ist deutschen Künstlern allerdings von zwei Seiten versperrt. Zum Einen ist die lebendige Tradition des Klezmer mit der Ausrottung der jüdischen Kultur in Europa fast abgerissen, allenfalls in den USA hat ihr Spirit überlebt. Zum Anderen macht der Holocaust die unbedarfte Aneignung von Klezmer unmöglich, immer muss der reflektierende Verstand die Adaption kontrollieren, um sich vor peinlichem Nachäffen zu schützen. Hensel und Johow kennen die Gefahren eines abgeschmackten Epigonentums und versuchen sie durch Ernsthaftigkeit abzuwehren. So hat Hensel, der einst als Texter für Paechbrot und Eurocheque-Karten Werbung machte, sich tief in die jüdische Kultur versenkt und mit 60 Jahren noch Jiddisch gelernt. Johow wiederum weiss, dass mit dem bloßen Nachbuchstabieren überlieferter Noten nichts gewonnen ist. "Man eignet sie sich an und verarbeitet sie gleichzeitig", sagt der Musiker. So spielt KlezMischpoche weder Original-Klezmer noch Klezmer-Light, sondern eben ihre Spielart dieser Musik. Allerdings macht die Band an jener Grenze Halt, hinter der die Anverwandlung jüdischer Kultur in die Erschleichung einer falschen Identität umschlägt. "Ghetto- und Widerstandslieder singen, das kann ich nicht", sagt Jörg Hensel.KlesMischpoche spielt heute, 23. November, um 19 Uhr im Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 29, Stücke aus ihren Musicals. Karten können unter der Nummer 41 10 138 vorbestellt werden.

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