Berlin : Nichts bleibt vom Lehrter Stadtbahnhof

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Morgen früh um 4.05 Uhr hält die erste S–Bahn im neuen Lehrter Bahnhof. 120 Jahre lang waren im benachbarten Lehrter Stadtbahnhof die Fahrgäste ein- und ausgestiegen. Vorbei. Und einige Jahre war der Bahnhof mitten in der Stadt sogar Grenzstation. Auch das ist zum Glück vorbei. Jetzt wird der historische Bahnhof abgerissen. Dabei war er noch zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 für 10 Millionen Mark renoviert worden. Die 1882 eröffnete Station steht dem Neubau von Europas modernstem Bahnhof, wie die Bahn schwärmt, im Weg. Beim Architektenwettbewerb für den Neubau Anfang der 90er Jahre gab es keine Vorgaben, den Altbau zu integrieren. Die Bahn hatte ohnehin für ihren wichtigsten Neubau seit dem Krieg nur zwei Architekten um Vorschläge gebeten. Den Zuschlag erhielt das Büro von Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg für den Stahl-Glas-Palast über den Gleisen und dem unterirdischen Teil für den Nord-Süd-Verkehr. Dieser Halle in 15 Meter Tiefe muss der alte Bahnhof jetzt weichen, der zu den wenigen gehört, die noch weitgehend im Originalzustand von 1882 erhalten sind, als die Stadtbahn zwischen dem heutigen Ostbahnhof und Charlottenburg eröffnet worden war.

Die Halle unter dem Stadtbahnhof zu errichten, ohne ihn abzureißen, war der Bahn zu teuer. Dagegen scheiterten Pläne, ihn vorsichtig abzutragen und woanders wieder aufzubauen, nicht nur am Geld. „Das Bauwerk fällt uns auseinander, wenn wir es abtragen“, ist Michael Baufeld überzeugt, der Sprecher der DB Verkehrsbau. Auch Wolf-Rüdiger Borchardt, der die Renovierung von 1987 als Architekt leitete, ist gegen einen Abriss und anschließenden Neuaufbau. Dies sei nicht im Sinne eines Baudenkmals. Vergeblich hatte er sich dafür eingesetzt, typische Teile des Bahnhofs als Erinnerungsstück in den neuen Bahnhof zu integrieren.

Der Lehrter Stadtbahnhof war in seiner Geschichte mehr als nur eine x-beliebige Station. Erst war er Umsteigepunkt zum Lehrter Fernbahnhof, über dessen Gleisen er lag. Sein „großer Bruder“ war bereits 1957/58 im Auftrag des Senats abgerissen worden, nachdem die Reichsbahn der DDR den Fernverkehr im kriegszerstörten Bahnhof 1952 eingestellt hatte. Zur Grenzstation wurde er 1984 nach der Übernahme der S-Bahn im Westteil der Stadt durch die BVG. Deren Mitarbeiter, die zum Teil von der Reichsbahn übernommen worden waren, sollten die Züge nicht in den „richtigen“ Grenzbahnhof Friedrichstraße fahren, hatte die DDR entschieden. Deshalb mussten die BVGer im Lehrter Stadtbahnhof den Zug verlassen; ein wartender Reichsbahner fuhr ihn dann eine Station weiter zur Friedrichstraße. Auf der Rückfahrt war es umgekehrt. Die Wechsel im Führerstand erfolgten anfangs fast grußlos, doch später verstanden sich die meisten der Pendler zwischen den Welten. Seit 1990 fahren die Züge ungehindert von Ost nach West und umgekehrt.

In den vergangenen Wochen war die Station noch einmal zu einem Anziehungspunkt für die Eisenbahn-Fans geworden, die den Bahnhof – und den Neubau daneben – aus allen möglichen Perspektiven fotografierten und filmten. Und den Abriss können sie unmittelbar mitverfolgen. Die Bahn hat extra ein Podest am Bahnhof aufbauen lassen, von dem aus man die Arbeiten beobachten kann. Erst den Abriss und dann den Bau der unterirdischen Halle. 2006 soll der neue Bahnhof fertig sein. An den Lehrter Stadtbahnhof erinnert dann nichts mehr. Klaus Kurpjuweit

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