Berlin : Nichts geht über Bärenmarke

Einige lebende Exemplare des Berliner Wappentiers feiern jetzt Geburtstag, andere buddeln sich ein – was braucht Ursus arctos zum Glücklichsein?

Christoph Stollowsky

Geburtstagsrummel wäre so ziemlich das Allerletzte, was sich die europäische Braunbärin Petzi im Berliner Zoo derzeit wünscht. Einen vier Meter langen Gang hat sie in den Untergrund ihres Freigeheges gebuddelt. Der Eingang sieht aus wie ein kleiner Bombentrichter, und am Ende liegt sie in ihrer Höhle und schnarcht, dass man es sogar draußen ein wenig hört. Petzi hält Winterruhe – während sich ihre Artgenossen Thilo, Schnute und Maxi im Bärenzwinger am Köllnischen Park in Mitte über die Trauben ihrer Geburtstagstorten hermachen. Denn sie sind allesamt an Januartagen geboren, und das wird zur Zeit hochoffiziell vor TV-Kameras und Fotografen mit Bärenparties gefeiert. Danach ziehen sich Thilo, Schnute und Maxi in ihren fußbodenbeheizten Stall zurück.

So unterschiedlich leben Berlins Wappentiere in der Stadt. Schließlich hat der überschaubare Bestand von „ursus arctos“, des europäischen Braunbären, an der Spree eine klare Hierarchie. In Mitte, gleich hinter dem Märkischen Museum, residiert das leibhaftige Symboltier: der dreizehnjährige „Stadtbär Thilo“ mit seinem kleinen Harem. Im Zoologischen Garten gibt es ein weiteres, etwas weniger prominentes Trio – die Weibchen Petzi und Siddy und der Bärenmann Berni. Und am Haupteingang des Tierparks Friedrichsfelde wohnt im „Bärenschaufenster“ das siebte Exemplar. Es wirkt allerdings wie ein Außenseiter: Bärin Kata ist nicht schokoladenbraun, sondern albinoweiß.

Doch was braucht ein Bär zum Glücklichsein? Halten die Berliner ihr kleines Bärenvölkchen artgerecht, so dass es munter daherkommt wie der Bär auf dem Wappen?

Thomas Dörflein müsste es wissen. Seit 15 Jahren kümmert er sich um die Drei im Zoo und erzählt, dass jeder ein Eigenbrötler ist. Tierpfleger Dörflein, ein schlanker Mitdreißiger mit Schaftstiefeln und grünem Overall, steht in einer eiskalten Grotte im Inneren des 1929 errichteten Bärenfelsens. Durch Höhleneingänge kriechen die Tiere vom Außengehege herein. Hier finden sie in ihren Käfigen Schutz, falls sie sich zurückziehen wollen. Dörflein streicht sich über den Bart und sagt: „Bären sind so nett und sanft wie die Flusspferde.“ Außerdem extrem neugierig, schlau, schreckhaft, verschlafen und von Bärenhunger getrieben, weshalb sie in der Natur täglich bis zu 70 Kilometer auf der Suche nach Beeren, Wurzeln, Fischen oder anderer Beute umherziehen. Bären fressen nahezu alles. Im Zoo serviert ihnen Dörflein schon früh morgens eine warme Hafersuppe.

Und Bären sind auch streichelbedürftig. Man sollte sie aber nicht wie einen Hund hätscheln, denn bei einem 350 Kilo schweren und zwei Meter großen Tier kann schon ein spielerischer Tatzenschlag das Leben kosten. Außerdem will sie Dörflein nicht zu Kuscheltieren herabwürdigen und hält sein Trio auch deshalb auf Distanz. Liebkost wird durch die Gitter. Ansonsten bemüht er sich, Petzi, Siddy und Berni viel zu beschäftigen. „Das“, sagt er, „ist am allerwichtigsten.“

Es sei denn, sie verbringen wie Petzi ein paar Wochen in einer selbstgebuddelten Schlafhöhle. „Sie ist zurzeit wohl der zufriedenste Bär von Berlin“, vermutet ihr Pfleger. Obwohl Braunbären ja nur Winterruhe halten, also öfter dösen, nur einen Fisch statt vier am Tag fressen und seltener umhertrotteln. Doch irgendwann haben die meisten Lust, sich einzugraben. Das geht aber nur im Zoo. Thomas Dörflein ist zwar nicht begeistert, weil er die Löcher am Ende wieder zuschippen muss, aber er gönnt Petzi das Vergnügen im metertiefen Sand. In Mitte und Friedrichsfelde können sich die Tiere nur Gruben graben – und brauchen folglich noch mehr Unterhaltung.

Aber wie beschäftigt man einen Bären? Da haben Dörflein und seine Kollegin Brigitte Kutzner vom Zwinger im Köllnischen Park ein ähnliches Animationsprogramm. Die Pfleger streichen Honig auf die Felsspitzen, schließlich ist jeder Bär ein Süßmaul; sie hängen frisches Laub in die Kletterstämme – oder Stücke vom Rinderpansen. Streuen Trauben in den Wassergraben, weil „ursus arctos“ gerne plantscht. Und einige ihrer Bemühungen erinnern an Kindergeburtstage: mit Ballons zum Haschen und Bettlaken, in denen sich so ein Zotteltier gerne verwickelt. Hauptsache, es passiert was Neues.

Doch manche Fachleute sehen das alles mit Skepsis. Zum Beispiel Uwe Lagemann, Chef des Bärenparks Worbis in Thüringen. Dort lässt die „Aktion Bärenhilfswerk“ zwölf Braunbären freien Lauf. „Gerettet“ aus Zirkuskäfigen, leben sie hier immerhin auf vier Hektar Wald und Wiese. „Viel besser als in kleinen Zoo-Gehegen“, sagt Lagemann. Wer Tiere in Obhut habe, müsse allen ein Erlebnis bieten – den Bären und ihren Besuchern. „Die Zeit des Ausstellens ist vorbei.“

Das sieht Tierpfleger Thomas Dörflein im Zoo ähnlich. Im Pelz eines Bären würde auch er lieber in der freien Natur als an seinem Arbeitsplatz leben. Doch andererseits sind seine Schützlinge ja alle in Zoos geboren. Wenn Petzis spitze Ohren demnächst aus dem Untergrund auftauchen und sie ihr breites Hinterteil nachzieht, dann wird sie zuallererst das vertraute Laublager im Bärenfelsen aufsuchen, prophezeit Dörflein – und glaubt nicht, dass sie sich langweilt: „Die Bären haben hier doch fast alles – sogar Sex.“

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