Berlin : Nichts zu meckern

Früher war das Luch höchst unsicher. Vieh versank im Moor, die Menschen bauten Dörfer auf Sandinseln. 1714 ließ es der Soldatenkönig trockenlegen. Heute sind Biohöfe die Attraktion – mit Ziegen und Käse

Carl-Peter Steinmann

Die Landschaft flach wie ein Eierkuchen, kein anstrengender Berg oder Hügel im Weg: Eine Radpartie ins Havelländische Luch zwischen Kremmen und Nauen ist eine tolle Sache – es sei denn, der Wind pustet kräftig von vorn.

Erheblich anstrengender ist da schon der Alltag als Landwirt im Luch. Zum Beispiel für Gela Angermann und Roger Lemke. Im Jahre 1991 kamen sie nach Karolinenhof südwestlich von Kremmen. Damals träumten sie von einem eigenen Bauernhof mit Ziegen, einer Käserei und der Aussicht, vom Verkauf des selbst hergestellten Käses zu leben.

Beide wussten genau, worauf sie sich einließen. Die damals 23-jährige Gela Angermann war auf einem bayerischen Bauernhof aufgewachsen. Mit zwölf Jahren bekam sie eine eigene Ziege, später schenkten ihr die Eltern noch eine Kuh. Schon damals war für sie klar: Der spätere Beruf musste mit Tieren zu tun haben.

Für Roger Lemke verlief das Leben zunächst ganz anders. Er wuchs in Berlin auf und begann nach der Schulzeit an der Deutschen Oper in Charlottenburg eine Ausbildung zum Schneider. Doch er merkte schon bald: Akkurate Nähte waren nicht seine Sache. Außerdem wollte er weg aus der Stadt. Also bewarb er sich auf einem Bio-Hof, ging dort in die Lehre und arbeitete anschließend in verschiedenen landwirtschaftlichen Projekten mit. Einer seiner Chefs war Gelas Vater. Auf dessen Ziegenhof begegnete ihm seine spätere Lebensgefährtin.

Irgendwann gab es Krach mit den Eltern. Gela und Roger verließen den Hof und zogen nach der Wende mit ihren drei Kindern ins Luch. Nun begann ein harter Job: Zwei Jahre bauten sie den Hof auf, bis sie 1993 die eigene Käserei eröffneten.

Am Anfang hatten sie 50 Ziegen und eine ganze Menge Pech. Gleich im ersten Jahr raffte ein Vergiftung zwanzig Tiere dahin. Nach vielen Untersuchungen stellten die Veterinäre fest: Auslöser waren typische Luchpflanzen auf der Weide, die für Ziegen unverträglich sind. Sofort erhielten alle restlichen Tiere eine Schutzimpfung.

Heute lebt das Paar im wahrsten Sinne des Wortes mit und von 100 Ziegen. Der gute Ruf ihrer Käsesorten zieht zahlreiche Berliner an den Wochenenden an. Viele kommen seit Jahren immer wieder und füllen im Hofladen ihre Einkaufstaschen. Dann sitzen sie im Wiesencafé, trinken Milch, essen eine Käseplatte und lassen es sich gut gehen – zumal die Kinder unterhalten sind: Sie hätscheln Ziegen und spielen mit dem riesigen pyrenäischen Berghund, der Karo heißt und außer seiner Größe so gar nichts von einem Wachhund hat. Und sollten sie sich irgendwann langweilen, erwartet sie ganz in der Nähe ein weiteres Abenteuer: Ein Spaziergang zum Ökohof Kuhhorst. Dort gibt es noch viele andere Tiere, sogar Esel stehen auf der Weide.

Die Ziegenkäserei Karolinenhof ist mit den Jahren ein erfolgreiches Familienunternehmen geworden. Und Gela weiß, dass ihr Leben im Vergleich zum Alltag der Luchbauern des 18. Jahrhunderts trotz aller Arbeit recht komfortabel ist. Unwägbare Gefahren bestimmten das Dasein in der Moorlandschaft. So schrieb Gutsbesitzer Ludwig von Bredow in einem Brief vom 14. Juli 1713: „Allein aus den vier Dörfern, welche er am havelländischen Luche besitze, seien jährlich 6 bis 7 Haupt Vieh umgekommen; bisweilen habe man die versunkenen Tiere im Moraste geschlachtet und stückweise herausgetragen.“ Festen Untergrund boten nur die leicht herausragenden Sandinseln – „Horste“ genannt. Deshalb heißen die Luchorte bis heute Sandhorst, Königshorst oder Kuhhorst.

1714 gab der junge Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Ordre, einen Plan für die Trockenlegung des Luchs zu entwickeln. Jeder Grundbesitzer musste Gräben ziehen, Flächen roden und sich am Wegebau beteiligen. Tausend Arbeiter, die sonst für die Ämter tätig waren, wurden eingesetzt. Außerdem stellten Potsdamer Regimenter zahlreiche Soldaten ab.

Auf einer Erhebung im Luch entstand das erste Vorwerk, dem der König den Namen „Königshorst“ gab. 1719 wohnte er dort selbst einige Tage in einer „zweistubigen hölzernen Bude“ um die Arbeiten zu beobachten.

Ein Netz von Entwässerungsgräben entstand, die mit ihrem Wasser den Havelländischen Großen Hauptkanal speisten. Nach nur sechs Jahren waren die Arbeiten 1724 abgeschlossen. Die Bodenqualität verbesserte sich deutlich. Die Bauern berichteten dem König begeistert, dass jede Kuh auf den satten Weiden sechsmal so viel Milch gäbe wie zuvor.

Heute ist das Luch eine weitgehend trockengelegte einstige Moorlandschaft mit kleinen Alleen und wenig Verkehr. Und an manchen Frühjahrstagen, wenn sich der Morgendunst hebt und die Ziegen noch gänzlich ungestört erste Halme zupfen, sieht es hier aus wie vor 300 Jahren. Die Touristen rollen ja erst aus der Ferne an. Dann sind sich Gela Angermann und Roger Lemke ganz sicher: „Dieser Sandhügel ist unser Zuhause.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben