Berlin : Nick Cave: Kauern und Schauern

Esther Kogelboom

Vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielten sich in der Nacht zu Sonnabend verzweifelte Szenen ab. Menschentrauben hingen vor den Eingängen, jeder für sich fest entschlossen, IHN zu sehen. Einer hatte sich ein Papp-Schild mit den Worten "Es geht um mein Leben - Suche Karte" um den Hals gehängt. An der Gästeliste ebenfalls "Ich-steh-aber-plus-zwei-drauf"-Hysterie. Waren die Gesichter draußen noch enttäuscht, hatten sie im Hauptsaal des Theaters diesen Nick-Cave-Blick: verstört und berührt gleichzeitig. Nick Cave spielte kurz, aber effektvoll eine Melange aus seinen langsamsten Balladen exklusiv für die Mute-Records-Nacht. In eine Wolke aus blauem Zigarettendunst eingehüllt, saß Cave am Flügel und bekam eine grandiose Resonanz vom Publikum, das überall kauerte und schauerte, wo noch ein Quadratzentimeter Platz war. Selbst vor den Türen, in den Foyers, lauschten die Leute andächtig und mit verklärtem Blick. Begann jemand damit, während eines Titels zu reden, kam prompt von allen Seiten ein strenges "Pscht". Nick Cave rauchte trotz des strengen Verbots auf der Bühne wie eine menschliche Dampfmaschine - zur Belustigung des Publikums auf den höheren Rängen erschien daher die offenbar an einen Rauchmelder gekoppelte, riesengroße Leuchtschrift "Nicht rauchen" über Caves Kopf. Zum Schluss musste die arme Jackie A., Moderatorin des Abends und der Viva-Sendung "Berlin Beat", ein beachtliches Pfeifkonzert ertragen: Sie hatte die Aufgabe, dem Publikum mitzuteilen, dass das Konzert vorbei ist.

Die richtig gute Nacht für das Independent-Label Mute war damit aber noch lange nicht vorbei - die Plattenfirma, die mit der Party auch ihre neue Niederlasssung in Berlin feierte, präsentierte unter anderem Pole, Thomas Brinkmann und Add N to X, die "furchtlosen Ritter der elektronischen Energie". Furchtlos mussten auch diejenigen sein, die auf der Bühne tanzen wollten. Die Bassvibrationen waren nichts für schwache Nerven.

Mute Records ist das Lebenswerk von Daniel Miller, einem der ersten Vorkämpfer der elektronischen Pop-Musik. 1978 veröffentlichte Miller seine erste Single "The Normal" bei Mute. Über die Jahre konnte das Label seinen unabhängigen Status verteidigen und hat mittlerweile so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Depeche Mode, Erasure, Diamanda Galas, Moby, Christian Vogel und eben Nick Cave and the Bad Seeds unter Vertrag.

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