Berlin : Nie mehr sprachlos

Bitte um Spenden: Im Förderzentrum Autismus lernen Kinder, sich zu verständigen.

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Kommunikation mit Karten. Marcel lernt im Förderzentrum Autismus, Sätze zu bilden. Mit einem
Kommunikation mit Karten. Marcel lernt im Förderzentrum Autismus, Sätze zu bilden. Mit einem

Und dann kommen wieder die Glocken ins Spiel. Wenn man das nicht weiß, versteht man aber nicht, wovon Marcel (Name geändert) gerade spricht. Die Laute, die aus dem Mund des 16-Jährigen kommen, klingen nicht ganz nach richtigen Wörtern. Aber Psychologin Petra Steinhart-Müller kennt ihren Schützling Marcel gut und versteht ihn. Sie lässt ihn die Sache als ganzen Satz wiederholen: „Ich habe Glocken gesehen.“ Die Psychologin ist begeistert: „Toll, das waren ja vier Worte.“ Richtige Sätze sprechen, die Menschen außer Steinhart-Müller und Marcels Mutter verstehen – das soll Marcel im Förderzentrum Autismus in Tempelhof lernen, wo sich außer der Psychologin vier Ehrenamtliche um die „Klienten“ – so werden sie genannt – kümmern. Regelmäßig kommt er in die Erdgeschoss-Wohnung, in der der 2007 gegründete Verein sitzt.

Autisten haben Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion. Mehrere Hundert gibt es in Berlin, sagt Petra Steinhart-Müller, die Fachleiterin des Zentrums. Unter ihren 15 Klienten zwischen neun und 19 Jahren sind aber auch andere Kinder und Jugendliche mit einer „Kommunikationsbehinderung“. Marcel etwa ist kein Autist. Anders als bei vielen Autisten ist seine Intelligenz gemindert – und er ist auch körperlich behindert. All das ist bei seiner Geburt entstanden, damals bekam sein Gehirn zu wenig Sauerstoff. Während die autistischen Klienten es oft nicht ertragen können, wenn Fremde im Raum sind, ist Marcel höflich, fröhlich und geht gern auf seine Umwelt ein. „Von selbst spricht Marcel aber nur in Ein-Wort-Sätzen und Stereotypen“, sagt Steinhart-Müller. So ein Stereotyp seien die Glocken. „Über die spricht er immer, wenn er nicht weiß, wie er etwas ausdrücken soll.“ Deshalb übt sie mit ihm mit Bildkarten, auf denen Symbole, Wörter und Gegenstände zu sehen sind. Für den Satz „Ich will Salami“, legt sie Marcel drei Karten hin. Es klappt und er freut sich. Marcels Mutter sagt, neulich sei seine Lehrerin aus der Schule für Körperbehinderte im Förderzentrum vorbeigekommen – und ganz erstaunt gewesen, wie gut er sich dort verständlich machen konnte.

Damit das noch besser wird, bekommt Marcel bald einen „Talker“ von der Krankenkasse: einen flachen Computer ohne Tastatur, auf dessen Monitor Symbole und Bilder zu sehen sind wie auf den Bildkärtchen: Wenn er darauf drückt, spricht eine Computerstimme Wörter und Sätze. So könnte er auch außerhalb des Förderzentrums seine Aussprache trainieren. Viele der Klienten haben Talker. Auch bei Autisten würden die Geräte gut funktionieren, sagt Steinhart-Müller: „So kommen sie aus ihrer Deckung.“

Doch es dauere meist Monate vom Antrag, bis ein Klient tatsächlich einen Talker bekomme. In dieser Zeit würde sie gern mit einem vereinseigenen Gerät mit den Kindern trainieren – und auch Eltern und Lehrer schulen. Und die Mitarbeiter könnten Einstellungen am Gerät ausprobieren. Denn für jedes Kind muss der Talker individuell programmiert werden. Doch das Budget des Vereins, der zum Teil vom Senat finanziert wird, reicht für die Anschaffung eines der teuren Geräte nicht. Deshalb bittet der Tagesspiegel um Spenden für den Verein. Damit Marcel in Zukunft nicht mehr nur über Glocken reden muss, sondern sagen kann, was er auf dem Herzen hat.

Spenden an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942

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