Berlin : Niemals aus der Mode

Uli Richter ist der Letzte der großen West-Berliner Couturiers Er arbeitete für Rut Brandt, Gracia Patricia und Lilli Palmer. Heute wird er 80

Grit Thönnissen

In West-Berlin gab es Zeiten, in denen die Mode noch ein richtiges Geschäft war. 1960 gab es 2500 Produktionsstätten für Kleidung in der Stadt. Da hatte Uli Richter zusammen mit Dorothea Köhlich gerade sein eigenes Atelier eröffnet. Herman Schwichtenberg, Detlev Albers, Hans Gehringer zogen Schauspielerinnen und Politikergattinnen an, und Heinz Oestergaard war noch nicht nach Bayern zum Quelle-Versand entschwunden.

In einem Film von 1978 kann man sich noch heute davon überzeugen, dass Uli Richter einer war, der wusste, wie man in der Mode den Ton angibt: Models aus Indien, Griechenland, Amerika und natürlich Berlin tänzeln in langen Kleider mit breiten Blockstreifen und betonter Taille, kleinen, exakt geschnittenen Jacken, Hosen mit kleinen Bundfalten durch seinen Salon – lässige Weiblichkeit, wie man sie heute wieder bei jungen Berliner Modedesignern sieht.

1982 ist Uli Richter schließlich derjenige, der das Licht ausmacht. Als er sein Modehaus schließt, ist die große Zeit der Berliner Mode erst einmal vorbei. Die Couturiers der Nachkriegszeit wie Heinz Oestergaard, Gerd Staebe und Hans Seger hatten nach und nach aufgegeben. Uli Richter war der Jüngste und Letzte von ihnen.

Jetzt ist die Mode wieder präsent in Berlin, es gibt junge Designer und Modemessen, sogar produziert wird wieder, wenn auch nur im kleinen Stil. Und auch Uli Richter zeigt noch einmal, warum er seine Kollektionen 47 Mal in Amerika präsentierte. Warum Gracia Patricia ihn nach Monaco einlud und Rut Brandt sich vom ersten Tag als Kanzlergattin bis zu ihrem Tod von ihm einkleiden ließ.

Da war er weltberühmt, der Sohn eines Potsdamer Drogisten. Seiner Mutter war Mode zu unseriös; Pharmazeut sollte er werden. Also begann er seine Karriere ganz seriös mit einem kaufmännischen Experiment. Uli Richter, damals Lehrling beim Modeausstatter Horn am Kurfürstendamm, wollte herausbekommen, wie ein gut verkäufliches Kleid aussehen muss. Er fragte eine Verkäuferin. „Nimm blauen Georgette“, sagte die Erste. Die Zweite: „Mach einen weißen Kragen dran, das sieht frischer aus.“ Die Dritte riet, die Schultern zu bedecken.

Das Kleid verkaufte sich 60 Mal. Als der Chef davon hörte, bestellte er den Lehrling zu sich. Der erwartete ein Donnerwetter und bekam stattdessen den Auftrag, für die nächste Saison acht Kleider zu entwerfen. Auch die wurden Verkaufsschlager. Ab da war klar: Der Textilkaufmann Ulrich Richter ist ein Modemacher. Und zwar einer, der nicht im stillen Kämmerlein entwirft, sondern sich erst umschaut in der Welt, nach Paris fährt zu den Modenschauen der großen Couturiers wie Cristòbal Balenciaga. Und dann, zurück in Berlin, seine Eindrücke umsetzt, mit hochwertigen Stoffen, gut sitzenden Schnitten und neuen Ideen. Zeichnen konnte er nicht so gut, also musste er seinen Modezeichnern genau beschreiben, wie er sich die Kleider für die nächste Saison vorstellte.

In seinem Haus im Grunewald hängen Bilder von seiner ersten Reise nach Amerika 1958. Models, die sich auf dem Flug über den Atlantik die Nase pudern, der Designer bei der Rasur auf der Bordtoilette. Es muss ein fröhlicher Ausflug gewesen sein. Bald beschreibt die amerikanische Vogue Richter als „The German Fashion Man“. Die Amerikaner schätzen ihn für seine unkomplizierte Mode, mit der man trotzdem „angezogen“ ist. „Ich habe schon Sportswear gemacht, bevor der Begriff aufkam“, sagt er. Von 1986 bis 1994 gab er sein Wissen als Professor an der Hochschule der Künste weiter.

Im September 2007 wird es im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum Potsdamer Platz, wo sich seit etwa einem Jahr seine Sammlung befindet, eine große Retrospektive seines Schaffens geben. Heute feiert Uli Richter dort seinen achtzigsten Geburtstag mit vielen geladenen Gästen. Seine liebsten Fotomodelle werden ebenso da sein wie der Fotograf F.C. Gundlach.

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