Berlin : Niemals heiraten war ihr Rezept

Charlotte Kunze ist tot. Mit 107 Jahren war sie die älteste Berlinerin. „Mit ’nem Mann wird keine Frau alt“, hat sie an ihrem 100. Geburtstag gesagt

Katja Füchsel

Der Likör und die Männer, die spielen im Leben von Charlotte Kunze eine ganz besondere Rolle – durch Abwesenheit. Denn, da ist sie sich ganz sicher, nur weil sie stets einen weiten Bogen um Schnaps und Ehe schlug, schnappte sie sich den Titel: die älteste Berlinerin. „Mit ’nem Mann wird wohl keine Frau so alt“, sagt sie. Das war vor sieben Jahren, an ihrem 100. Geburtstag.

Charlotte Kunze kommt in Thüringen zur Welt, am 24. April 1896. Es ist das Jahr, in dem auch Schriftsteller Carl Zuckmayer geboren wird und in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit gefeiert werden. Als Otto Lilienthal bei einem seiner Gleitflüge tödlich verunglückt und in Berlin das Theater des Westens feierlich eröffnet wird.

Charlotte ist fünf, als ihre Eltern 1901nach Wilmersdorf ziehen. Nach der Schule verdient sie ihren Lebensunterhalt erst als Putzfrau, später stellt sie eine reiche Berliner Familie im Hause an. Als Charlotte ihren 25. Geburtstag feiert, erhält Albert Einstein den Physik-Nobelpreis. In Berlin wird Hoimar von Ditfurth geboren.

Charlotte ist ein lebenslustiges Ding, drei Mal ist sie kurz davor zu heiraten - und bleibt doch ledig. „Die zwei Weltkriege haben mir einen Strich durch die Heiratspläne gemacht“, erzählt Charlotte später, genauer wird sie nicht. Auch ein Fernseher kommt ihr lebenslang nicht ins Haus. „So’n Ding nervt“, sagt Charlotte, die Berlinerin. „Nur zur ’Schwarzwaldklinik’ bin ich rüber zur Nachbarin.“

1946 feiert Charlotte Kunze ihren 50. Geburtstag. Dem Jahr, als im Westen das erste Mal seit 1933 wieder frei gewählt wird. Und im Osten die SED gegründet wird. Charlotte Kunze zieht in die Binger Straße – und in den nächsten 56 Jahren nicht mehr aus. Bis zu ihrem Todestag am 21. August lebt sie in dem Wilmersdorfer Altbau. Eine Pflegerin von der Diakonie besucht sie mehrmals täglich, auch die Nachbarn helfen mit. „Bis vor einem halben Jahr ist noch mit ihrem Gehgestell durch die Wohnung gezuckelt“, erzählt die Frau von nebenan.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verdient Charlotte Kunze im Arbeitsamt ihr Geld, bleibt dort bis zur Pensionierung. Ansonsten geht sie gerne ins Theater, liest viel – und genießt es, anderen zu helfen. Als die berufstätige Nachbarin dringend einen Babysitter sucht, wird Charlotte Kunze zur Ersatz-Omi von Claudia und Lutz. „Sie konnte wunderbar mit Kindern spielen“, sagt die Nachbarin. „Egal, wie alt sie waren.“

„Oma Kunze“ ist eine aus der ganz alten Schule. Eine Frau, die sich ihr ganzes Leben lang alleine durchbeißen musste. So was prägt. Ungezogenheit lässt sie bei Kindern nicht zu. Resolut kann sie werden, wenn ihr jemand komisch kommt. Sie achtet auch im hohen Alter auf makellose Sauberkeit in Wohnzimmer, Bad und Küche. Und sie ist stolz auf ihre Rechenkünste. „Mensch, 1924 habe ich zur Inflationszeit mit Billionen hantiert“, lacht sie. „Das bisschen Kopfrechnen mach’ ich der Jugend heute noch vor!“

Charlotte ist 75, als Erich Honecker zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees gewählt wird. Sie ist 100, als sich die Brandenburger gegen eine Fusion mit Berlin entscheiden. Zwei Jahrhundertwechsel erlebt Charlotte Kunze. Als an ihrem 107. Geburtstag mal wieder Bezirksbürgermeister, Familie und Nachbarn Schlange stehen, freut sich die Jubilarin über ihren jüngsten Rekord: „Mensch Meier, jetzt bin ich wirklich die älteste Berlinerin!“

Natürlich wird an so einem Tag nach dem Lebensmotto gefragt, natürlich hat Charlotte Kunze eine Antwort parat: „Einen eisernen Willen haben und sich nicht gehen lassen“, diktiert sie dem Reporter in den Block. Aber wie war das noch mit dem Likör als Lebenselixier? Charlotte Kunze kichert. „Ich hab’ immer die Likörflaschen nur für andere geholt, selbst nur die Lippen befeuchtet.“

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