Berlin : Niemals im Dunkeln

Thomas Loy

Es ist kalt. Es ist zugig. Der große Alice-Salomon-Platz vor dem Hellersdorfer Rathaus bietet viel Versammlungsfreiheit, aber jetzt steht da mitten drauf plötzlich dieser rote Bus von Radio Multi-Kulti. Radio Multi-Kulti kennt hier keiner. Kann man hier auch gar nicht empfangen, außer über Kabel. Da hält man lieber Abstand.

Am vergangenen Mittwoch wurden ganz in der Nähe drei libanesische Frauen in der Straßenbahn attackiert, am Freitag passierte der Molotow-Anschlag auf einen Hellersdorfer Döner-Imbiss, am Samstag der Überfall auf einen dunkelhäutigen Portugiesen in Lichtenberg.

Da war sie wieder, die hässliche Fratze des Rechtsextremismus. Und die unangenehme Frage, ob die Ost-Bezirke für Ausländer eine Gegend sind, die man besser nicht aufsuchen sollte. Die Amerikaner sagen dazu: No-go-area. Radio Multi-Kulti wollte diskutieren, mit den Integrationsfachleuten und natürlich mit den Hellersdorfern. Die Fachleute kamen, die Hellersdorfer nicht.

Multi-Kulti-Moderatorin Katrin Heise ist ein bisschen verzweifelt unter ihren Kopfhörern. Sie hört nämlich viel Rauschen und Pfeifen und weiß nicht, ob sich das noch bessern wird. Dann hat man leider auch die Lautsprecher vergessen. Die hätten für ein bisschen Stimmung sorgen sollen. War eben alles zu kurzfristig geplant. Jedenfalls sind ein paar Ausländer da. Moses Mensah leitet die Deutsch-Afrikanische Gesellschaft mit Sitz in Marzahn. Leider wohnt er nicht da, sondern in Tempelhof.

Herr Mensah hat eine ziemlich dunkle Hautfarbe, kann aber nicht sagen, dass er sich deswegen Ärger einhandelt. Er ist Umweltingenieur und lehrt an der Uni. Da bewege man sich eben in Kreisen von Menschen, die wohlerzogen und eher gutsituiert sind. Mit der Straßenbahn fahren muss Herr Mensah gelegentlich auch, na klar, aber da hat er sich eine schlaue Ärgervermeidungsstrategie ausgedacht. Er steigt nur dort ein, wo viele Menschen sind, von denen möglichst viele auch noch ausländisch aussehen. Dann fühlt er sich sicher.

Eine weitere Strategie lautet: Fahre von Marzahn nach Hause, solange es hell ist. Niemals würde er auf die Idee kommen, sich ins Kino nach Marzahn zu verabreden. Diese Strategie durchzuhalten, findet Herr Mensah nicht weiter schlimm. Es sei ihm inzwischen selbstverständlich, so zu handeln.

Man beachte das Wort "selbstverständlich". Dahinter verbirgt sie sich, die No-go-area, wie der kleine Teufel hinter der Maske des Biedermanns. Am kleinen Stehtisch neben dem Multi-Kulti-Bus wird engagiert diskutiert über zuwenig Geld für Projekte, ob Projekte überhaupt ihre Zielgruppe erreichen und was die Schulen machen können. Barbara John, die Ausländerbeauftragte des Senats, fordert alle auf, eine Stadt herzustellen, in der sich jeder überall und jederzeit frei bewegen kann. Soziale Konflikte würden an der ethnisch-kulturellen und damit an der falschen Frontlinie ausgetragen, sagt Elena Marburg, Migrantenbeauftragte des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Moderatorin Heise äußert irgendwann das dumpfe Gefühl, das Problem Ausländerhass finde nur an der interessierten Oberfläche statt.

Nach einer Stunde ist die Sendung vorbei. Der Multi-Kulti-Bus verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Nicht mal ein Multi-Kulti-Flyer ist zurückgeblieben.

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