Berlin : Niemand klingelt mehr zur großen Pause

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Von Steffi Bey

Büsche und Bäume sind so hoch gewachsen, dass die Schule dahinter verschwindet. Aber eben nur fast. Viel zu deutlich schimmern beschmierte Fenster und eine zerstörte Fassade durch das Grün. Hinter einigen Scheiben hängen noch die Reste irgendwelcher Naturmotive, die einmal Kinder gefertigt haben: Blumen, Käfer, Pilze. Doch so genau schaut dort, im Wohngebiet am Rosenfelder Ring, niemand mehr hin. Warum auch? Seit Sommer vergangenen Jahres ist die „Rosenfelder Grundschule“ geschlossen. Das Gebäude wird nicht mehr gebraucht. Es ist überflüssig geworden, weil im Quartier zwischen den Bahngleisen und der Straße Alt-Friedrichsfelde der Nachwuchs fehlt. In Lichtenberg sank die Zahl der Grundschüler von 15 315 im Jahr 1999 auf 9480. Im nächsten Jahr werden es 8830 sein.

„Das Gebiet ist überaltert“, sagt Hans Fiedler der hier mit seiner Frau seit mehr als 30 Jahren wohnt. Vormittags sind im Viertel fast nur ältere Leute unterwegs. Die meisten haben sich scheinbar an den Schandfleck gewöhnt. „Wir können sowieso nichts am Verfall ändern“, sagt eine Frau. Aber ruhiger sei es geworden. Manchmal störte sie das ständige Pausenklingeln. Spielplätze und Bänke bleiben leer. Fiedlers können nicht verstehen, weshalb vor nicht so langer Zeit Buddelkästen und Spielgeräte zwischen den Wohnblöcken erneuert wurden. „Das ist doch rausgeschmissenes Geld“.

Obwohl die Menschen gern hier leben, das viele Grün genießen und ihre sanierten Wohnungen schätzen, bleibt bei vielen die Angst. „Wenn sich hier nichts tut, stirbt unsere Gegend“, prophezeit eine Rentnerin. Denn nahe der geschlossenen Schule gibt es noch zwei leerstehende Kitas. Wo einst gespielt, gelacht, gegessen und gelernt wurde, stehen gespenstig wirkende Gebäude. Auf den Treppen bahnt sich Unkraut den Weg. „Versuche, dort eine andere Nutzung anzubieten, sind gescheitert“, sagt ein junger Mann.

Viele Bewohner wollen gehört haben, dass die Schule in Fertigbauweise abgerissen werden soll. Günter Mertel zählt wahrscheinlich zu den wenigen, die sich darüber Gedanken machen. Für den 73-Jährigen wäre ein Abtragen momentan die beste Lösung. „Es gibt keine Alternative, weil für andere Ideen der Bedarf fehlt“. Aber eigentlich hofft er, dass es im Wohngebiet zu „einer Revitalisierung kommt“, und nach und nach junge Familien herziehen. Dennoch tut es dem Lichtenberger weh, wenn er an der geschlossenen Schule vorbeiläuft und auch die verkommenden Bäume und Sträucher sehen muss. Mertel war nämlich Mitte der sechziger Jahre für die Gestaltung dieser Grünflächen mitverantwortlich.

Beinahe zu ruhig ist es seit der Schulschließung in einigen Geschäften an der nahen Straße Alt-Friedrichsfelde geworden. „Wir merken schon, dass uns nicht mehr so viele Kinder besuchen“, erzählt Margrit Kain vom Zeitungs- und Lotto-Shop. Früher hätten die Mädchen und Jungen manchmal vor dem Unterricht Schlange gestanden. Ihre Bestellung an Jugendzeitschriften hat sie mittlerweile reduziert. Auch der Bäcker wird vor allem morgens nicht mehr so viele belegte Brötchen und Zuckerschnecken los, bestätigt eine Verkäuferin. Und die Inhaberin der Gaststätte „Alt-Friedrichsfelde“, Manuela Müller, muss seit Monaten auf das Lehrerkollegium verzichten, dass sich dort öfter zu wichtigen Besprechungen traf.

Auch das zweite Schulgebäude im Rosenfelder Ring wirkt ungewöhnlich still am Vormittag. Doch die Tore sind geöffnet. Die Leiterin der benachbarten Kita, Regine Kappel, berichtet, ein Teil der Räume werde vom Projekt „berufsorientiertes Lernen“ genutzt.

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