Nikolaikirche : Jesus wartet im Depot

Die Nikolaikirche wird restauriert – gestern wurde das Kruzifix abmontiert. Das Kunstwerk soll während der Bauarbeiten sicherheitshalber ins Zentraldepot.

Lothar Heinke
Jesus
Abmontiert. Aus 16 Metern Höhe wurde das Kruzifix herabgelassen. -Foto: Thilo Rückeis

Das Hämmern und das Kreischen der Sägen hallt durch die Nikolaikirche, wird vom hohen Kreuzrippengewölbe zurückgeworfen – und plötzlich bricht aller Lärm ab, eine erwartungsvolle Stille voller Andacht liegt im Raum: Jesus kommt hernieder. Christus schwebt zur Erde, sanft, behutsam, bedächtig. Der mittelalterliche Schmerzensmann wird vor den Bauarbeiten in Berlins ältestem Gotteshaus in Sicherheit gebracht. Die Männer einer Umzugsfirma sind mit ihrer Hebebühne 16 Meter hoch gefahren, um das Kreuz, das da unter dem Gewölbe hängt, aus seinen Verankerungen zu lösen, und dann geht es ganz schnell: Das Kruzifix, Ausdruck und Symbol für die eigentliche Bestimmung des nach seinem Wiederaufbau 1980 bis 1987 museal genutzten Gotteshauses, gleitet hinab, wird auf einen Holzstapel gelegt, Jesus darf aus der Nähe betrachtet und fotografiert werden.

Die Finger beider Hände sind abgebrochen, durch Hände und Füße bohren sich riesige Nägel. Der Mund ist halb geöffnet, an der rechten Seite der gewölbten Brust klafft eine Wunde. Das etwa drei Meter hohe Kreuz ist grün, rot und gelb gestrichen. „Nach einer Urkunde, die vor Jahren während der Restaurierung des Kruzifixes in einem Hohlraum des Kopfes gefunden worden war, wurde es vor über 500 Jahren, anno 1485, vom damaligen Berliner Bürgermeister zusammen mit einigen Ratsherren und Schöffen für die benachbarte Marienkirche gestiftet“, sagt Albrecht Henkys vom Märkischen Museum. Die Stiftung stand wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Überwindung der großen Pest von 1484. Im Zuge der barocken Umgestaltung wurde das Pest-Kreuz aus der Marienkirche ins Depot vom Märkischen Museum verlagert und kam von dort in die aus Anlass der 750-Jahr-Feier Berlins wiedererstandene Nikolaikirche. Die neueste eingerollte Urkunde mit den Namen der Restauratorinnen datiert vom 18.12.1990.

Nun also kehrt Jesus sicherheitshalber zurück ins Zentraldepot. Mit ihm andere Kunstwerke – Epitaphe, Grabplatten, Schrifttafeln. Auch die Orgel wird ausgebaut. Die Kirche ist bereits ein Bauplatz, aber die Hauptarbeit kommt noch: Der Fußboden ist stellenweise schadhaft, senkt sich, gibt nach, muss erneuert werden. Hunderte Touristen bedauern Tag für Tag, dass die Kirche verschlossen ist. Bis Ende 2009! Dann kommt auch Jesus wieder zurück. Lothar Heinke

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