Berlin : Nikolaus Haviland Ritter (Geb. 1933)

Wer sagt, dass ein Ich nicht genauso zerfallen kann wie ein Atom?

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Seine Heimatstadt wurde immer kleiner, und irgendwann hatte das Meer New York ganz verschluckt. Andere fuhren am Sonntag aufs Land, wenn sie Verwandte besuchen wollten. Nikolaus Haviland, seine Eltern und die kleine Schwester fuhren über den Ozean. Das war 1936. Er wurde drei Jahre alt.

Der alte Herr Ritter in Verden an der Aller war sehr krank geworden und wollte die beiden kleinen Amerikaner, die, so hatte er gehört, seine Enkel waren, gern einmal sehen, bevor er starb. Darum standen nach der großen Meerfahrt zwei Geschwister auf dem Balkon eines schönen Hauses an der Aller, nicht weit von Hamburg, hielten ihre Tassen über die Brüstung, machten die Augen zu, zählten bis drei, drehten die Tassen um und liefen, überwältigt von der eigenen Courage, schreiend ins Zimmer. Im selben Augenblick kreischte es von unten. Und das klang fast wie in New York, die Kinder waren beruhigt. Manchmal hilft es nicht, in New York geboren zu sein, um einem großen Krieg, dem größten, aus dem Wege zu gehen.

Nikolaus’ Vater hieß ebenfalls Nikolaus, Nikolaus Adolf Fritz Ritter. Der Absolvent der preußischen Militärakademie und einer Technischen Hochschule war schon Direktor einer Textilfabrik gewesen, als er im Dezember 1923 vor der Inflation nach Amerika floh. In New York verliebte er sich in das erste Mädchen, das er traf. Es war seine Englischlehrerin, Aurora Evans aus den Südstaaten.

Und nun, im selben Jahr 1936, fuhr Nikolaus der Ältere allein zurück nach New York, um das Geld für die Rückfahrt seiner Familie zu verdienen. Dabei war das Geldverdienen in Amerika nicht eben sein größtes Talent. Erhobenen Hauptes pflegte er regelmäßig seine Arbeitsplätze zu verlassen, wobei sein Stolz ihm verbot, den ausstehenden Lohn mitzunehmen. Nikolaus der Ältere war vollkommen unbegabt, Weisungen von Menschen entgegenzunehmen, deren gesellschaftlicher Rang nicht dem seinen entsprach.

Bei seiner Frau, dem Mädchen aus Alabama, störte ihn das weniger, denn eine Ehefrau ist nicht weisungsberechtigt. Aber selbst Aurora Ritter war tief erstaunt, als statt der erhofften Schiffskarten bald der Vater selbst wieder in Deutschland eintraf, erster Klasse sogar. Das Geld dafür hatte er von einem Schwager geliehen. Andere Schiffskarten, teilte er seiner nicht weisungsberechtigten Familie mit, benötige man ohnehin nicht mehr, denn man bleibe einfach da, weshalb er, der Ehemann, bereits alle Resthabe seiner Frau in Amerika verkauft habe.

Nikolaus Adolf Fritz Ritter, der permanente Störfall auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt, war ab sofort vorgesehen für das Oberkommando der Wehrmacht in der Abwehr des Admiral Canaris. Sein Erfolg war natürlich auch der Erfolg seiner Frau, denn hätte er ohne sie jemals gelernt, ein so ganz und gar akzentfreies amerikanisches Englisch zu sprechen? Akustisch blieb seine Herkunft unerkennbar für jeden künftigen Feind.

An der Tür ihrer Bremer Wohnung stand bald ein anderer Name, denn kein Spion heißt wie er heißt. Und dieser begann nun, den legendären „Ritter-Ring“, ein Spionagenetzwerk gegen Großbritannien und Amerika, aufzubauen, während aus dem kleinen Nikolaus und seiner Schwester Deutsche wurden. Die Einzige, die störte, war ihre Mutter. Spione sollten nicht mit dem Feind verheiratet sein. Auch besaß Nikolaus Havilands Vater inzwischen eine Sekretärin, die aus der Familie des letzten deutschen Kaisers stammte. Er ließ sich scheiden, und Aurora Ritters Kampf um ihre Kinder begann. Sie gewann ihn erst, als Deutschland in Trümmern lag. Sie war immer in der Nähe ihrer Kinder geblieben, die im Haus der Großeltern und im Sommer an der Ostsee nicht viel von ihrer Verzweiflung bemerkten.

1946 fuhr Nikolaus Haviland Ritter gemeinsam mit Mutter und Schwester den Weg zurück, den er so viele Jahre zuvor gekommen war. Der Dreizehnjährige konnte sich an den Dreijährigen nicht mehr erinnern und auch nicht an Amerika. Seine Mitschüler von der Highschool in Tallahassee, Florida sahen sofort, was da ankam: „Kraut!“ Was für unmögliche Lederhosen! Und seine Schwester trug Affenschaukeln.

Thanksgiving 1960. Zuerst verliebte sich Gabriele Hilpert in seinen Karmann Ghia, genauer in dessen Kofferraum. Da lagen Schallplatten, Vivaldi, Bach, Chopin, und eine Tüte Spaghetti. Dieser Mann, dachte sie, besitzt einen Sinn für die wesentlichen Dinge im Leben.

Er hatte am Georgia Institute of Technology studiert, war Messingenieur bei nuklearen Detonationen für die Ballistics Research Laboratories in Baltimore, Mikronesien und Nevada. Im Augenblick überwachte er den Teilchenbeschleuniger der Florida State University. Nicht nur das Betreiben von Spionageringen, auch das Beaufsichtigen von experimentellen nuklearen Detonationen entfernen den Einzelnen von sich und von der Gesellschaft. Wer sagt, dass ein Ich nicht genauso zerfallen kann wie ein Atom? Um seine Bindekräfte zu stärken, hatte Nikolaus Haviland neben seiner Wache am Teilchenbeschleuniger soeben ein Kunststudium begonnen.

Dass ein junger Mann und eine junge Frau zusammenlebten, ohne eine legitimierende Urkunde zu besitzen, ja dass sie sich nicht schämten, ihre gemeinsame schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit, also im Waschsalon, zu waschen – das empörte Tallahassee. Dass Gabrieles schwarzer französischer Freund gelyncht worden war, dagegen nicht so sehr. Irgendwann wussten Nikolaus Haviland Ritter und Gabriele genau, dass sie wegwollten.

Sie waren Deutsche und waren doch keine. Sie gehörten nach Deutschland, ohne im Mindesten dorthin zu gehören. Aber warum sollte er die Bauhaus-Architektur, die ihn schon immer fasziniert hatte, nicht vor Ort studieren? Ulm war zu spießig, München zu bayerisch. Irgendwer sprach von Berlin. Sie kamen, sahen und wussten: Das ist es! Heterogen, zerstört, voller Abbruch und Zukunft zugleich.

Ein kurzer Zwischenaufenthalt in Kreuzberg und Nikolaus Haviland hatte seine Existenzform der künftigen Jahrzehnte gefunden: Nollendorfstraßenbewohner, Betonung auf Straße. Ja, auch die sollte man bewohnen. Schon in Kreuzberg hatten sie ihre Nachbarn, die oft grußlos aneinander vorbeigingen, zum Straßenfrühstück eingeladen, mit Tulpen und Kaffee. Das setzten sie jetzt fort bis zur Gründung des „Metacafés“.

Das Namensschild an der Tür seines Architekturbüros bestand aus Gummibärchen: „Büro für Bewusstsein und Wahrnehmung“. 1968 hatte Nikolaus Haviland Ritter sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste beendet. Mag sein, man traute einem, der sich mit Gummibärchen auswies und dessen Firmenkürzel BBW mindestens so elastisch war wie jene, Bauten aus festerem Material nicht zu. BBW: Bedeutungen wie „Büro für Banalitäten und Wichtigkeiten“ schloss es ausdrücklich ein.

Nikolaus Haviland Ritter vermied es vorsätzlich, ein im gewöhnlichen Sinn erfolgreicher Architekt zu werden. Das Leben ist viel zu kurz, um Karriere zu machen. Und doch meint das nicht Nachlässigkeit, nicht einmal Lässigkeit. Wer die Mappen seiner Projekte durchblättert, bemerkt sofort die unendliche Sorgfalt und Präzision seiner Entwürfe.

Am liebsten baute er Spielplätze, darunter einen mit Windrädern als Blumen. Auch Schulhöfe, in die nie ein Strahl Sonne fiel, gab er nicht verloren. Mit einem beweglichen Spiegelsystem fing er sie ein. Er gewann den Kunst-am-Bau- Wettbewerb zur Gestaltung der Umgebung des ICC. 1978 erschien das „Stattbuch“, der Führer durch das alternative Berlin, Mitautor: Nikolaus Haviland Ritter. Das Berlinale-Forum zeigte regelmäßig Szenen aus der Nollendorfstraße, Regisseur und Kameramann, der erste seiner Art: Nikolaus Haviland Ritter.

Kann man sein ganzes Leben in der Nollendorfstraße verbringen? Aber ja, sagte das Vollmitglied des Nollendorfstraßenkomitees. Nein, sagte seine Frau. Sie wollte aufs Land. Also baute er in den Bergen Italiens auf einem alten Hof ein Selbstversorger-Öko-Haus, die Casa del Fontaniere und dachte zwischen Weinreben und Olivenbäumen doch immer öfter an die Nollendorfstraße. Er kam zurück, allein, nicht zuletzt ins „Metacafé“.

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Ende des letzten Jahres kamen seine Freunde wieder zusammen, in der Nollendorfstraße, zum ersten Mal ohne ihn. Es war Nikolaustag. Kerstin Decker

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