Berlin : Noble Herren auf Klassenfahrt

Zum Einsteinjahr wurden 30 Nobelpreisträger von der Wissenschaftsakademie eingeladen. Einer sagt: Wir werden ständig überschätzt. Deshalb gingen sie gerne zur Uni und ins Museum

Sebastian Leber

Die Museums-Angestellten waren gut vorbereitet. Keine Unsicherheiten, kein Gestotter. Und das bei den Besuchern! Es waren 30 Nobelpreisträger, die durch die Einstein-Ausstellung im Kronprinzenpalais spazierten. 30 Nobelpreisträger und ihre Ehefrauen. Die Klügsten der Klugen, versammelt in Berlin.

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die Max-Planck-Gesellschaft hatten sie eingeladen. Anlass: das Einsteinjahr. Und um Einstein drehte sich fast das gesamte Besuchsprogramm. Es ging zur Ausstellung, ins Sommerhaus des Erfinders nach Caputh und zu Vorlesungen an die Berliner Universitäten.

Die 30 Nobelpreisträger amüsierten sich gut. „Ein bisschen wie auf einem Klassentreffen“ sei die Stimmung, sagt Johannes Bednorz, deutscher Physik-Nobelpreisträger mit Wohnsitz in der Schweiz. Angenehm entspannt. Die meisten in der Gruppe kennen sich nämlich bereits von verschiedensten Tagungen. Einige fahren sogar zusammen in den Urlaub. Rivalität gebe es untereinander deshalb nicht, weil man die Leistungen der einzelnen Wissenschaftler kaum miteinander vergleichen könne: „Unsere Forschungsfelder sind so speziell, da versteht der eine nicht, was der andere Tolles entdeckt hat.“

Einer, mit dem sich Bednorz konkurrenzlos versteht, ist der amerikanische Medizin-Nobelpreisträger Baruch Blumberg, mit 79 Jahren einer der Ältesten in der Gruppe. 1976 bekam der US-Mediziner die Auszeichnung für seine Forschungen über Infektionskrankheiten verliehen, seitdem wird er zu Vorträgen und Kongressen in der ganzen Welt eingeladen. „Als Nobelpreisträger wird einem nie langweilig“, sagt er. Nur zu Hause sei durch die Auszeichnung alles beim Alten geblieben – „das hat mir meine Frau damals sehr schnell beigebracht, dass ich auch in Zukunft den Müll rausbringen muss“.

Beim Frankfurter Chemie-Nobelpreisträger Hartmut Michel hat sich die Auszeichnung sogar auf seine zwei Kinder ausgewirkt: „Die mussten in der Schule plötzlich richtig büffeln, weil einige Lehrer überzogene Erwartungen hatten.“ Auch für ihn selbst habe der Nobelpreis nicht nur Vorteile gebracht: Einige Menschen versuchten ständig, ihn und seinen Titel als „Dekoration“ für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Über ein ganz anderes Problem klagt sein Landsmann Bednorz. Man werde als Nobelpreisträger grundsätzlich überschätzt, sagt er. Und zu Dingen befragt, von denen man gar keine Ahnung habe: „Plötzlich sollte ich Stellung nehmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen, Hochschulpolitik und Gefangenen in der Dritten Welt.“ Da musste Bednorz erst mal lernen, „im Zweifelsfall ganz einfach den Mund zu halten“. Eine Einstellung, die nicht-akademische Berühmtheiten selten haben. Auch ansonsten hinterließen die 30 Superhirne bei ihrem Besuch einen guten Eindruck. Katrin Schwenk von der Wissenschaftsakademie nennt ihre Gäste „äußerst pflegeleicht“: neugierig, genügsam, keine Extrawünsche.

Und in einem Punkt auch keinerlei Gedächtnislücken: Alle können sich noch ganz genau an den Moment erinnern, als sie vom Nobelkomitee über den Gewinn der Auszeichnung informiert wurden. Der Amerikaner Baruch Blumberg saß gerade im Flugzeug, Johannes Bednorz war im Büro mit Messungen beschäftigt. Der japanische Physiker Masatoshi Koshiba saß in Tokio zu Hause auf dem Sofa, als der Anruf aus Schweden kam. Danach machte er sich schnell ein Sandwich, atmete tief durch und ging raus in den Garten, wo schon Dutzende Journalisten warteten: „Da war mir klar, dass mein Leben ab sofort ein ganz anderes sein würde.“

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