Berlin : Noch bis zum 11. März lohnt es sich, die Kufen zu schärfen

jmw

Eigentlich sollte Angelique gar nicht hier sein. Ihr Arzt zu Hause in Magdeburg hat sie vergangene Woche krankgeschrieben und ihr gesagt, sie solle sich mal richtig auskurieren. Da hat sich die 16-Jährige gesagt, dass sie das genauso gut in Berlin tun kann. Jetzt dreht sie auf der Eisfläche unterm Glockenturm der Gedächtniskirche zu Achtziger-Jahre-Popmusik ihre Runden, und der 19-jährige Mohammed ist ihr dicht auf den Fersen. Auf der Eisbahn können aber auch Berliner noch bis zum 11. März dem Winter täglich von 10 bis 22 Uhr Lebewohl sagen.

Nicht dass Angelique Mohammeds Verfolgung unangenehm wäre: Als sie an der Bande verschnauft, kommt er von hinten angebraust, legt eine gekonnte Bremsung hin und packt sie an den Hüften. "Ach, Mohammed", sagt sie nur und lacht: Das Eisspektakel auf dem Breitscheidplatz hat eine weitere Liebesgeschichte. Letzten Freitag, erzählt Angelique, sei ihr Mohammed das erste Mal begegnet. Direkt entgegengefahren ist er ihr, und ziemlich schnell war alles klar. Auch wenn Mohammed erst vor zwei Jahren aus dem Libanon gekommen ist und nicht richtig Deutsch spricht, tat das ihrem Verständnis keinen Abbruch: Am gleichen Tag ist sie mit Freundin Mandy aus der Pension aus- und bei Mohammed eingezogen.

Mario-Volker Gräfe wird es freuen. "Die Eisbahn ist ein Experiment für uns und für die Stadt", sagt der Unternehmer. Seine Firma hat nach langwierigen Verhandlungen beim Bezirksamt Charlottenburg den Zuschlag bekommen. Vorbild ist der Wiener Eistraum, an der Donau seit Jahren fester Bestandteil der Wintersaison. In Berlin hat das Spektakel vergleichsweise bescheidene Ausmaße: Nur zehn mal vierzig Meter umfasst die Eisfläche. "Da ist noch mehr drin", sagt Gräfe. "Nächstes Jahr peilen wir zwanzig mal fünfzig Meter an." Dann, so ist er sicher, wird auch das Bezirksamt nichts gegen die größere Fläche einzuwenden haben. "Wir haben gezeigt, dass man so eine Veranstaltung vernünftig aufziehen kann." Während Angelique und Mohammed Arm in Arm das Rückwärtsfahren ausprobieren, steht der 24-jährige Amjad vor der Absperrung und beobachtet die beiden mit einer Mischung aus Misstrauen und Bewunderung. Amjad kommt aus Gelsenkirchen und ist zum Arbeiten hier: In einem Pankower Schwimmbad schweißt er Dichtungen zusammen. Nach Feierabend streift er durch die Stadt, in der er keinen kennt. Jetzt ist er am Breitscheidplatz angelangt und überlegt, ob er sich trauen soll. "Ich kann das gar nicht", sagt er. Andererseits: "Im Augenblick ist es nicht so voll, das ist meine Chance." Tatsächlich hat man um diese Tageszeit, so gegen 20 Uhr, noch ziemlich viel Platz auf dem Eis. Angelique und Mohammed stoppen an der Bande und reden Amjad gut zu. Mohammed erzählt, dass er auch erst den dritten Tag fahre. Amjad lächelt gequält. Das Davonkommen wird schwieriger.

Der Landschaftsgärtner Kai, ebenfalls 24, hat da weniger Berührungsprobleme. Er wackelt mehr über das Eis, als dass er läuft, die Arme zum Balancieren ausgestreckt. Hin und wieder setzt er sich auf den Hosenboden, und gerade damit erntet er Beifallsstürme von zwei Blondinen, die sich auf die Bande stützen. "Jeder so, wie er kann", sagt er und grinst. Auch wenn Veranstalter Gräfe beklagt, dass tagsüber hauptsächlich Kinder fahren und abends noch zu wenig los sei: Zum Anbandeln ist das ideal. Beste Aussichten fürs kommende Jahr.

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