Berlin : Noch immer arbeiten meistens Frauen auf Teilzeit

Doch der Trend zu kürzeren Diensten in Behörden nimmt in Berlin, im Bund und europaweit zu

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In ganz Europa ist der öffentliche Dienst ein schrumpfender Sektor. Und weil die Gehälter und Pensionen weitgehend unantastbare Besitzstände sind, lassen sich Personalkosten nur über den Abbau von Stellen einsparen. Dies wird nach einer Untersuchung des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung in den EU-Staaten auf folgenden Wegen versucht: „Erstens durch die Privatisierung öffentlicher Unternehmen; zweitens durch direkten Personalabbau, indem man staatliche Aufgaben beschränkt; drittens durch eine Neuverteilung der Arbeit, indem Vollzeitstellen durch Teilzeitarbeitsplätze ersetzt werden.“ Vorreiter dieser Entwicklung war England.

Teilzeitarbeit im öffentlichen Sektor ist also ein europaweiter Trend. In Deutschland durften Beamte und öffentliche Arbeitnehmer früher nur dann eine Teilzeitbeschäftigung aufnehmen, wenn sie Kinder oder pflegebedürftige Angehörige betreuen mussten. Inzwischen darf jeder Mitarbeiter „auf Teilzeit gehen“, soweit es mit den „dienstlichen Belangen“ vereinbar ist. In den Bundesbehörden hat sich die Zahl der Teilzeitstellen von 27 282 (1998) auf 38 905 (2001) erhöht.

Das Bundesverwaltungsamt hat in einem Pilotprojekt eineinhalb Jahre flexible Arbeitszeiten erprobt. Über 500 Arbeitszeitvarianten bietet die Behörde jetzt an. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten verdoppelte sich auf fast 17 Prozent. In allen Bundesbehörden sind es durchschnittlich 11,5 Prozent. Im Berliner Landesdienst lag die Teilzeitquote 2001 bei 17,1 Prozent, wobei jede vierte Frau Teilzeit arbeitet, aber nur jeder zwanzigste Mann.

Vorbildlich ist die Berliner Verwaltung aber nicht, schaut man sich alle Erwerbstätigen in Berlin – also auch im privaten Sektor – an: Etwa 30 Prozent der Arbeitnehmerinnen und 10 Prozent der Arbeitnehmer sind teilzeitbeschäftigt. In den West-Bezirken weit mehr als im Osten. Das liegt an den noch immer niedrigeren Einkommen im Ostteil. Die Gefahr, in Armut oder mit besonders niedrigen Einkommen leben zu müssen, ist bei Teilzeitbeschäftigten laut Statistik doppelt so hoch wie bei „Vollzeitkräften“.

Trotz der Nachteile bei Einkommen und Altersversorgung durch Teilzeitarbeit, hat auch in den Gewerkschaften die Diskussion um eine Lockerung des Tarifrechts begonnen. So hat die Modernisierungskommission der Dienstleistungsgewerkschaft verdi im Februar ein 100-Punkte-Programm vorgelegt, in dem unter anderem „landesbezirkliche Öffnungsklauseln für kollektive Arbeitszeitabsenkungen“ gefordert werden. Auch verdi-Chefin Susanne Stumpenhusen hat sich entsprechend geäußert.

Zurzeit liegt die gesetzlich festgelegte Arbeitszeit für Beamte in Berlin bei 40 Wochenstunden und für Angestellte und Arbeiter im öffentlichen Dienst laut Tarifvertrag bei 38,5 Stunden (West) bzw. 40 Stunden (Ost). Zum Vergleich: Je nach Unternehmensbranche schreiben die Tarifverträge in der Privatwirtschaft wöchentliche Arbeitszeiten zwischen 35 und 39 Stunden in den alten Ländern und 38 bis 40 Stunden in den neuen Bundesländern vor. Ulrich Zawatka-Gerlach

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