Berlin : Noch ist Polen nicht gewonnen

Wirtschaftssenator Wolf wirbt auf seiner Schlesien-Reise für regionale Zusammenarbeit – doch die Debatte um das Vertriebenenzentrum hat alte Wunden aufgerissen

Sabine Beikler[Breslau]

Peter Ohr kennt das diplomatische Geschäft. Als der deutsche Generalkonsul vor Berliner Unternehmern, die PDS-Wirtschaftssenator Harald Wolf auf seiner dreitägigen Reise nach Polen begleiten, über die Entwicklung der polnischen Region Niederschlesiens, die Wojewodschaft Dolnoslaskie und über deren Hauptstadt Wroclaw spricht, beeilt er sich um Schadensbegrenzung. Trotz der „politischen Debatte“ nach der Forderung von Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes des Vertriebenen (BdV), ein Zentrum für Vertreibung zu initiieren, seien immerhin 70 Prozent der Polen nicht „deutschlandfeindlich“. Diese „Grundstruktur“ sei fest, sagt der Generalkonsul im Saal „Europa“ im Dorint-Hotel. Ist das wirklich so?

Der Diplomat spricht diese Sätze in dem historischen Ort Wroclaw, vormals Breslau, mit 634000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Polens. Das historische Zentrum Niederschlesiens hat eine Jahrhunderte lange deutsche Geschichte. Das Stadtbild ist geprägt von der architektonischen Backsteingotik deutschen Ursprungs, Renaissance-Häusern, Palästen und Kapellen im Wiener Barock. Doch diese Vorgeschichte hatte man in der Stadt bis in die achtziger Jahre hinein einfach negiert, erzählt zum Beispiel Pawel Moras, Chef des Standort-Marketings von Wroclaw. „Erst nach der Wende durften wir bekennen, dass Breslau nicht immer polnisch war“, sagt der 29-Jährige und fügt hinzu, dass Warschau „weiter weg von Breslau als das 320 Kilometer entfernte Berlin liegt“. Moras spricht fließend deutsch, ist Vizepräsident des Fördervereins „Europa 2000 plus“ und engagiert sich seit Jahren für die deutsch-polnische Aussöhnung.

Doch diese Annäherung habe einen „furchtbaren Schlag“ durch die Steinbach-Forderung erhalten. „Frau Steinbach hat nicht begriffen, was sie für ein gefährliches Thema verschärft.“ Moras gibt zu, dass Steinbach bei vielen Polen eine „Rückkehr zur alten Germanophobie“ ausgelöst hat. Wenn es überhaupt ein Zentrum für Vertreibung geben sollte, dann „bitte schön ein europäisches“, fordert Pawel Moras. Und bevor über den Standort gestritten wird, sollte eine internationale Arbeitsgruppe erst einmal über das Wie diskutieren.

So sieht das auch Berlins Wirtschaftssenator. Wenn sich Harald Wolf bei den polnischen Gastgebern bedankt oder über die Entwicklung einer Wirtschaftsregion Berlin-Niederschlesien referiert, spricht er von „Wroclaw“, nicht von Breslau. Für Wolf eine Selbstverständlichkeit: „Ich erkenne ja auch die polnische Westgrenze an.“ Er könnte sich statt eines nationalen Zentrums für Vertreibung ein europäisches Zentrum vorstellen, das sich mit Kriegsfolgen auseinander setzt, in dem das „Täter-Opfer-Verhältnis“ deutlich zum Ausdruck kommt.

Für den Berliner Anwalt Stefan Hambura ist das ein wenig zu „politisch korrekt“. Der in Polen gebürtige Deutsche findet es nicht schlimm, wenn Deutsche Breslau und nicht Wroclaw sagen. „Man sollte das deutsch-polnische Verhältnis nicht übersüßen.“ Momentan gebe es ein „emotionales Problem“. Darüber müsse man sprechen. Doch das Bauchgrummeln könnte zu einem existentiellen Problem werden. „Wenn die Frage aufkommt, ob Grundstücke zurückgegeben werden müssen, dann ist es aus mit der deutsch-polnischen Aussöhnung. Dann wird es heißen: Die Deutschen kommen zurück.“

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