Berlin : Noch keine Spur von den Entführern

Der junge Russe war in Flughafen-Nähe gefangen - die eine Million Euro Lösegeld brachte die Familie selbst auf.

Jörn Hasselmann

Der am Mittwochabend freigelassene Vadim Freinkman ist vermutlich in einer Wohnung nahe dem Flughafen Tempelhof festgehalten worden – und zwar oft mit nicht verbundenen Augen. Bei seiner Vernehmung schilderte der Abiturient gestern den Ort, an dem ihn die drei Entführer in den zwölf Tagen eingesperrt hatten: ein Altbau mit Blick in den Hof, bei einigen Fenstern sollen die Rahmen rot lackiert sein. Im Innenhof führt ein lackiertes, weiß-graues Abzugsrohr von der Hoftür bis zum Dach, auch stehen dort ein großer und mehrere kleinere Bäume.Vermutlich befindet sich im Haus oder in der näheren Umgebung eine Bäckerei – die Kidnapper waren rasch zurück, wenn sie morgens Schrippen holten.

Wie berichtet, war der aus Russland stammende junge Mann am 18. August frühmorgens von zwei Männern gekidnappt worden. Freigelassen wurde er am späten Abend des 30. August in der Neuköllner Stubenrauchstraße. Drei russischsprachige Männer sollen in die Tat verwickelt sein, schilderte das Opfer, das insgesamt gut behandelt wurde. Freinkman hatte im Sommer am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium in Grunewald Abitur gemacht, mit dem Ziel, Maschinenbau zu studieren.

Wie üblich bei Geiselnahmen und Entführungen übernahm der „Führungsstab Schwerstkriminalität“ den Fall, der sich dann „Soko St. Petersburg“ nannte und bis zu 200 Beamte einsetzte. Das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und russische Behörden arbeiteten in der Soko mit, zudem „liehen“ sich die Berliner Beamte von mehreren Spezialeinsatzkommandos anderer Bundesländer.

Die Kidnapper forderten eine Million Lösegeld und drohten mit dem Tod des jungen Mannes – dies nahmen die Ermittler ernst. Anders als in vielen vorangegangenen Fällen wurde den Tätern echtes Geld übergeben und offensichtlich keine Falle gestellt. Die Täter nahmen das Geldpaket auf einer Dorfstraße im brandenburgischen Pausin, einige Kilometer nordwestlich von Spandau, entgegen. Die Kripo hofft auf Hinweise von Anwohnern, weil die Täter das Gebiet in den letzten Monaten intensiv ausgekundschaftet haben müssen.

24 Stunden nach der Übergabe, viel später als vereinbart, wurde Freinkman unversehrt ausgesetzt. Die Täter hatten also viel Zeit, das Geld, überwiegend 500-Euro-Noten, zu prüfen. Nach Angaben von LKA-Chef Peter-Michael Haeberer hat die Familie das Geld selbst zusammengebracht, die Mutter soll durch verschiedene Beraterverträge gut verdienen. An ihrem Lebensstil in Berlin war dies nicht erkennbar, seit etwa 15 Jahren hat die Familie die einfache Wohnung in Neukölln gemietet.

Die Mutter, Nelli Freinkman, arbeitet in St. Petersburg als Psychologin, früher war sie auch in Berlin tätig. Sie ist zudem Mitglied im Lenkungsausschuss des „Petersburger Dialogs“. Dieser war 2001 von Kanzler Schröder und Präsident Putin gegründet worden, um die Verständigung zwischen Deutschland und Russland zu fördern. Der deutsche Dialog-Vorstand Martin Hoffmann sagte gestern, dass Freinkman durch ihre vielen Kontakte in Russland eine gute Ansprechpartnerin war, „wenn schnell etwas erledigt werden musste“. So habe die 55-Jährige Kontakt zum Vorsitzenden des russischen Parlaments, Boris Grislow, sagte Hoffmann, nicht jedoch, wie von Boulevardzeitungen spekuliert wird, zu Präsident Putin.

Seit Anfang der neunziger Jahre wohnen Mutter und Sohn in einer Wohnung an der Neuköllner Hermannstraße, seit etwa einem Jahr war Vadim alleine dort, weil die Mutter fast ausschließlich in St. Petersburg als Uniprofessorin arbeitete. Aus seiner Wohnung, dicht an der Einflugschneise nach Tempelhof, waren dem Entführten die Geräusche dieses Flugplatzes bekannt – und er erkannte sie in den zwölf Tagen Gefangenschaft wieder, obwohl er nach der Entführung lange Zeit, um ihn zu verwirren, kreuz und quer durch die Stadt gefahren worden war, wie Haeberer sagte. Die Kriminalpolizei (Tel. 4664 910 500) hofft, durch Hinweise schnell die von den Tätern genutzte Wohnung zu finden. Ob das die Fahndung nach den Tätern weiterbringt, ist offen: Die drei könnten bereits in Russland sein, hieß es.

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