Berlin : Noch längst keine Normalität erreicht

Wie tolerant ist Berlin? Vier Beispiele zeigen: Mit der Akzeptanz von Schwulen und Lesben hapert es noch an vielen Stellen.

Jörg Oberwittler

Berlin hat einen schwulen Regierenden Bürgermeister, gibt sich weltoffen und tolerant. Dennoch spüren viele Schwule und Lesben eine wachsende Diskrepanz zwischen ihren Alltagserfahrungen und dem politischen Willen der Gleichbehandlung. Kein Wunder, dass das CSD-Motto dieses Jahr „Hass du was dagegen?“ bewusst auf diese Entwicklung anspielt. Eine repräsentative Studie zur Toleranz steht für Berlin zwar noch aus. Doch vier Beispiele verdeutlichen, wo Schwule und Lesben Diskriminierung erleben.

Guido Mayus, 42, Lehrer: Mit Sorge beobachtet Guido Mayus, dass das Schimpfwort „schwule Sau“ auf dem Schulhof zunimmt und Lehrer nicht einschreiten. Während die Pausenaufsicht bei anderen Beleidigungen, wie „Du Behinderter“, viel eher eingreift, herrsche bei schwulenfeindlichen Äußerungen oft Zurückhaltung. Dass das Thema Homosexualität seit zwei Jahren in Berlin verbindlich für den Biologieunterricht auf dem Lehrplan steht – dafür hat sich Mayus als Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer“ eingesetzt. Er selbst macht aus seinem Schwulsein kein Geheimnis. Für seine Ehrlichkeit erntet er bei den Schülern Respekt. Nicht immer bei Kollegen. Getuschel im Lehrerzimmer hat er in der Vergangenheit gelegentlich mitgekriegt. Er befürchtet, dass viele Kollegen im Unterricht viel zu schnell über das Thema hinweggehen. Aus Unsicherheit. Doch gerade das mache die Situation für schwule und lesbische Schüler schwer. „Dass ihre Mitschüler ihnen mit Ablehnung begegnen, liegt an der Angst vor dem Fremden.“ Ein Kreislauf, der durch mehr Aufklärung durchbrochen werden könnte.

Friedhelm Krey, 63, Schwulenberatung: Erst kürzlich hat der Koordinator eines Netzwerks gegen Diskriminierung am eigenen Leib erfahren, wie sich Ablehnung anfühlt. Auf dem Karneval der Kulturen bummelte er mit seinem Partner Hand in Hand über das Fest. „Na, ist das warm hier“, „Och, sind die süß“, hagelte es an bissigen Kommentaren. So viele abfällige Bemerkungen habe er lange nicht mehr gehört, sagt Krey – erstaunt, dass ihm so etwas ausgerechnet an dem Ort der Toleranz widerfahren ist. „Die Diskriminierung hat ihr Gesicht verändert“, sagt er. In der breiten Bevölkerung herrsche eher eine angespannte Duldung als völlige Akzeptanz. Als Mitarbeiter der Schwulenberatung hört er es täglich: Klienten, die von Nachbarn angepöbelt werden oder von Mobbing am Arbeitsplatz berichten. Dass man so selten ein küssendes schwules oder lesbisches Pärchen in der U-Bahn sieht, befindet Krey, zeige doch am deutlichsten, dass noch längst keine Normalität erreicht sei.

Maria Tischbier, 34, Kriminalkommissarin: Verstärkt werden bei der Ansprechpartnerin der Berliner Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen und beim Anti-Gewalt-Projekt „Maneo“ Übergriffe gemeldet. Sei es auf der Straße, vor Szenekneipen oder in der U-Bahn. Auf der Oranienstraße in Kreuzberg wurden beispielsweise jüngst drei Besucherinnen einer Drag-Queen-Veranstaltung zusammengeschlagen. Rund 400 Opfer wandten sich im vergangenen Jahr hilfesuchend an Maneo. Die Polizei selbst erfasst die sexuelle Ausrichtung der Opfer nicht, stellt jedoch seit 2003 eine Verdoppelung der Delikte (von 17 auf 31) fest, die eindeutig der Rubrik „Hasskriminalität wegen sexueller Orientierung“ zugeordnet werden können. Die für homophobe Delikte zuständige Kommissarin weiß: Die Mehrheit der Fälle ereignet sich in Schöneberg und Kreuzberg. Meistens sind die Täter Männer unter 30 Jahren. Die Hälfte davon, laut Opferumfragen, Deutsche. Doch noch immer bleiben zu viele Beleidigungen und Körperverletzungen unangezeigt. „Wir gehen bei allen Straftaten zusammengenommen davon aus, dass 90 Prozent nicht angezeigt werden“, sagt Tischbier. 90 Prozent. Regelmäßig geht sie mit ihrem Kollegen Uwe Löher durch die Szenelokale, steht an Cruising-Orten am Infostand, ist auf Straßenfesten präsent. Die Ansprechpartner sind beim Landeskriminalamt angesiedelt, was den hohen Stellenwert des Themas für die Polizei zeigt. Mittlerweile können Opfer in Berlin sogar über die Internetwache Anzeige erstatten.

Saideh Saadat-Lendle, 50, Regenbogenfamilie: Die alltägliche Diskriminierung einer Familie, die aus zwei Müttern und einem siebenjährigen Sohn besteht, kennt Saideh Saadat-Lendle zu Genüge. Sei es beim Abschluss einer Riesterrente, bei der Adoption, oder beim Arzt: Überall lauern für Regenbogenfamilien kleine Diskriminierungen. Da will der Arzt der zweiten Mutter keine Auskunft geben. Da gibt es im Todesfall der Partnerin Probleme mit der Übertragung von Riesterrenten-Beiträgen. Und da ziehen sich Adoptionsverfahren schon mal deutlicher länger hin als bei heterosexuellen Paaren. Alltägliche Klagen für die Beraterin in der Lesbenberatung. Ein Fall von Diskriminierung ist ihr allerdings nachhaltig in Erinnerung geblieben. Eine Klientin, die in einer katholischen Einrichtung arbeitet, wollte endlich für klare Verhältnisse sorgen. Eine Kollegin habe sie zur Seite gezogen: „Oute dich nicht, sonst ist klar, dass du rausfliegst.“ Also entschied sich die Frau, sich nicht zu outen – und sich niemals von ihrer Freundin am Arbeitsplatz besuchen zu lassen. Für die gebürtige Iranerin ist daher klar: Es gibt noch viel zu tun. Jörg Oberwittler

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