• Noch lange nicht berühmt Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker AUFDEUTSCHGESAGT

Berlin : Noch lange nicht berühmt Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker AUFDEUTSCHGESAGT

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Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihre Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es den Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen, und was sie wirklich meinen – künftig alle zwei Wochen von Brigitte Grunert.

Berlin bewirbt sich also um die Gay Games 2010. Andere Städte tun das auch. Die Konkurrenz ist hart. „Deshalb kümmere ich mich selber darum, denn mein berühmter Satz ist zu meiner eigenen Überraschung in allen Winkeln der Welt bekannt“, sagte Klaus Wowereit dem Tagesspiegel. Er meinte seinen Ausruf im Juni 2001 auf dem Landesparteitag der Berliner SPD, wenige Tage vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister: „Ich bin schwul. Und das ist auch gut so!“

Ist es ein berühmter Satz? Nein. Es ist ein häufig zitierter Satz. Und Klaus Wowereit hat sich damals mit diesem Bekenntnis bei vielen Menschen bekannt gemacht, die seinen Namen bis dahin nie gehört hatten. Nur: Eine Aussage ist nicht berühmt, auch nicht das erste öffentliche Outing eines deutschen Politikers. Eine Aussage ist höchstens so interessant oder so treffend, dass sie zum geflügelten Wort wird. Ruhm aber können nur Menschen ernten. Gönnen wir allen Politikern den Ruhm, wenn sie Entscheidendes für das Gemeinwohl bewirken. Doch wollte Klaus Wowereit, als er an seinen „berühmten Satz“ erinnerte, gewiss nicht von sich sagen, dass er berühmt sei. Er hat nur bekannt mit berühmt gleichgesetzt.

Das ist typisch für eine sprachliche Unsitte – die Verwechselung der Begriffe. Die Vokabel berühmt muss für alles Mögliche herhalten, so dass jedes farbige Adjektiv erstickt wird. Immerfort haben wir es mit berühmten Festen, berühmten Schuldenbergen, berühmten Problemen, berühmten Krankheiten, berühmten Unwettern und so weiter zu tun. Und diesen Ereignissen werden obendrein Tätigkeiten zugeordnet, die sie der Natur der Sache nach nicht leisten können. Es ist nun mal so, dass nur lebendige Wesen handeln können.

Über den neuen Werbeslogan „Mir geht’s Berlin“ las ich: „Auf den Großplakaten… präsentiert die Kampagne aber nicht nur nackte Buchstaben.“ Eine Kampagne präsentiert gar nichts. Hier präsentiert der Senat eine Kampagne. Wir lesen und hören auch ständig, dass irgendein Umstand für Freuden oder Nöte sorgt, Schuld hat an einem Problem oder verantwortlich dafür ist. Doch weder ist der Regen, der zur richtigen Zeit fehlt, schuld an der Missernte, noch sorgt ein Unwetter für den Ausnahmezustand der Feuerwehr, noch ist ein Orkan verantwortlich für umgestürzte Bäume. Solche Umstände sind schlicht ursächlich. Nur Personen können für etwas sorgen, verantwortlich sein und sich schuldig machen. Oder sie verdienen Anerkennung für ihr umsichtiges Handeln, vielleicht sogar Ruhm für bedeutsame Taten.

So oft von der Einrichtung des Zentralen Stellenpools die Rede ist, und davon ist seit langem die Rede, wird erklärt, er solle für die schnellere Vermittlung von Überhangkräften im öffentlichen Dienst sorgen. Das aber muss schon der Senat tun. Er erhofft sich nur durch den Stellenpool die zügige Erledigung dieser Aufgabe. Ganz verrückt wird es, wenn es heißt, der Senat erwarte sich etwas. Der Finanzsenator „erwartet sich Einsparungen“, ist zu lesen. Klar, dass er sie erwartet, aber er erwartet nicht sich. Ich erwarte mich auch nicht. Warum nur haben falsche Begriffe und falsche Bezüge diese magische Anziehungskraft? Es muss damit zu tun haben, dass wir gar nicht mehr merken, wie bedenkenlos wir umgangssprachliche Ungereimtheiten ins Schriftdeutsch übernehmen.

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