Berlin : Noch mehr Arbeitslose, aber Experten sagen Aufschwung voraus

Seit der Wende waren noch nie so viele Berliner ohne Job Wirtschaftsforscher: Die Kaufkraft wird bald deutlich steigen

Sigrid Kneist

Die Arbeitslosenzahlen in Berlin haben nach Informationen des Tagesspiegels eine Rekordhöhe und damit den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Im Dezember waren 296 500 Arbeitslose registriert, das entspricht einer Quote von 17,5 Prozent. Im Januar werden nach den Erwartungen der Arbeitsmarkt-Experten die 300 000 deutlich überschritten. Doch es gibt auch Hoffnungszeichen: Im Wettbewerb mit anderen Städten holt Berlin kräftig auf.

In der gesamten Region Berlin-Brandenburg gab es im Dezember 540 000 Erwerbslose. Nach Auffassung des Berliner DGB werden diese Zahlen weiter steigen. Der Gewerkschaftsbund rechnet mit einer Zunahme um rund 50 000 bis Ende des Jahres. 2003 werde das härteste Jahr auf dem Arbeitsmarkt. „Auch die ,Hartz-Wundertüte’ wird keine Entlastung bringen“, sagte DGB-Sprecher Dieter Pienkny. Die Mini-Jobs würden die Sozialkassen wieder stärker belasten, seien nicht beschäftigungsfördernd und bedeuteten eine Amerikanisierung der Arbeitsverhältnisse. Nur wer drei oder vier Jobs gleichzeitig habe, könne davon leben.

Die Arbeitsämter in der Region müssen in diesem Jahr mit 300 Millionen Euro weniger auskommen. Im vergangenen Jahr konnten sie noch 2,1 Milliarden Euro für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und die Wiedereingliederung ins Erwerbsleben ausgeben.

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sehen die Entwicklung nicht ganz so pessimistisch. Man hoffe, dass die Talsohle jetzt erreicht sei. Mit einer Besserung sei aber wegen der schwierigen internationalen Wirtschaftslage nicht zu rechnen.

„Wir hatten allein einen Verlust von 3500 industriellen Arbeitsplätzen prognostiziert – das ist eingetroffen“, sagt UVB-Sprecher Thorsten Elsholtz. Jetzt sei ein energisches Gegensteuern vor allem der Bundesregierung gefordert. Dies bedeute vorrangig eine Deregulierung des Arbeitsmarktes, die den Unternehmen mehr Flexibilität lasse.

Bei einem Städtetest des Wirtschaftsforschungsinstitut Feri ist Berlin innerhalb von zwei Jahren von Platz 47 auf Platz 30 geklettert. „Berlin profitiert vom Hauptstadtsog“, sagte der Regionalforscher Stefan Krätke dem Magazin Capital. Untersucht wurden 60 Städte. Kriterien waren Wirtschaftsleistung, Arbeitsplätze, Bevölkerungswachstum und Kaufkraft.

Düsseldorf landete auf dem ersten Platz vor München, Hamburg, Köln und Stuttgart. Mit dem Aufstieg um 17 Plätze konnte sich Berlin so stark verbessern wie keine andere Stadt. Die Forscher gehen davon aus, dass die Berliner Wirtschaft bis 2009 um 16,7 Prozent zulegen wird. Die Kaufkraft der Berliner wird sich demnach um fast 15 Prozent erhöhen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben