• Noch nie kostete Benzin in Berlin so viel - die Fahrgewohnheiten scheinen sich dennoch nicht zu ändern

Berlin : Noch nie kostete Benzin in Berlin so viel - die Fahrgewohnheiten scheinen sich dennoch nicht zu ändern

Christoph Stollowsky

Selbst Branchenkenner hatten es kaum für möglich gehalten, aber die Preistafeln belehren sie eines besseren: Super Plus kostet seit einigen Tagen an vielen Tankstellen mehr als zwei Mark pro Liter und Superbenzin steht gleichfalls kurz vor dem Sprung über die Zwei-Mark-Grenze. Gemessen am in die Höhe geschnellten Großhandelspreis müsste dies schon längst geschehen sein, aber die Konzerne zieren sich offenbar noch, vermutlich, weil sie ihre Kundschaft nicht verprellen wollen. So erklärte gestern die Verbraucherzentrale die Situation und stellte fest: "Berlins Autofahrer zahlen die höchsten Preise, die jemals verlangt wurden".

2,05 Mark kostete der Liter Super Plus gestern bei "Elf Oil" am Mariendorfer Damm, für einfaches Super wurden 2 Mark berechnet und für bleifreies Benzin 1,95 Mark. An der Karl-Marx-Straße verlangte die "Sprint"-Tankstation 2,04 Mark für Super Plus, ebenso Aral an der Königin-Luise-Straße, während Shell an der Grunewaldstraße in Schöneberg einen Pfennig billiger war. "Esso" an der Bundesallee blieb hingegen beim hochwertigen Super Plus noch unter der Schamgrenze von 2 Mark.

Für einfaches Super wurden gestern zwischen 1,95 und 2 Mark kassiert. Um diese Obergrenze noch ein wenig zu halten, nehmen die Mineralölkonzerne offenbar geringere Gewinnspannen in Kauf - ein künstlicher Preisstillstand, der laut Verbraucherberatung nun die Freien Tankstellen in Nöte bringt. Denn sie leben vom Image, bei jeder Treibstoff-Sorte mindestens zwei Pfennige billiger als die Markenkonkurrenz zu sein. Angesichts der gestiegenen Großhandelspreise haben sie jetzt also noch weitaus geringere Profite als Esso oder Shell.

Das Preisgefüge kann sich allerdings stündlich ändern. "Der Markt ist nervös", sagt Tankwart Gerd Oehme bei "Esso" an der Bundesallee. Der Pächter seiner Tankstelle hat keinen Einfluss darauf, wieviel er vom Kunden nimmt. Die Konzernzentralen geben die Preise direkt in die Kassen ihrer Spritstationen ein. "Dann rattert es plötzlich, und die Kasse berechnet den neuen Preis". Ist die Konkurrenz im Bezirk jedoch hart, können sich die Pächter in Absprache mit ihrem Mutterhaus auch gegenseitig unterbieten. Dann lohnen sich für den Kunden Preisvergleiche. Der Höhenflug bei den Preisen hatte schon im vergangenen Jahr begonnen. Im Verlauf von 1999 verteuerte sich Kraftstoff um 19,7 Prozent - dann kam die zweite Stufe der Ökosteuerreform ab 1. Januar 2000 hinzu. Sie trieb die Kosten um weitere sieben Pfennig pro Liter hinauf, hinzu kommen die Entwicklungen auf dem Weltmarkt. Berlins Autofahrer profitierten allerdings eine ganze Weile von der scharfen Konkurrenz in der Stadt. Dadurch war der Anstieg anfangs etwas moderater als beispielsweise in Frankfurt am Main.

Nun aber spricht die Branche von einer "Preisexplosion". Dennoch fahren viele Berliner "so viel wie zuvor", heißt es an den Tankstellen. Anders sieht es auf dem Wasser aus: Dort schränkten viele Freizeitkapitäne ihre Fahrzeiten schon 1999 ein, hat Klaus Borchardt von der Bootstankstelle in Tegelort beobachtet. "Die suchen sich jetzt einen gemütlichen Schaukelplatz". Oder sie kaufen günstige Dieselmotoren. Diesel kostete gestern nur 1,50 pro Liter.

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