Berlin : Noch sind wir mitten in der Nachfeier

Heidemarie Mazuhn

Seit dem ersten Sonntag im neuen Jahr gibt es in Berlin eine neue Kirchengemeinde. Die St.Marien- und St.Nikolai-Gemeinde vereinte sich mit der Georgen- und Parochial-Gemeinde zur Evangelischen Kirchengemeinde Marien. Mit einem Kantaten-Festgottesdienst hatte man am 5. Januar die Fusion der vier ältesten Kirchengemeinden in Mitte gefeiert. Gestern ging es in der Marienkirche auch ums Feiern. Ums Nachfeiern. Das sei oft, sagt Superintendent Lothar Wittkopf, besonders schön. Die Hektik eines Festes und der Stress der Vorbereitungen sind abgefallen. Jetzt ist Zeit, alles nochmals zu bedenken. Auch die jüngst gefeierte Geschichte von Bethlehem mit der Geburt Jesu und die Geschichte von dessen Taufe im Jordan. Davon erzählt das Matthäus-Evangelium im 3. Kapitel, dem gestern der Gemeindepfarrer seine Predigt widmete. Vom erwachsen gewordenen Jesus berichtet er, der vom Bußtäufer Johannes verlangt, dass dieser ihn taufe, damit er Vergebung finde. Auf eine Stufe mit denen, die bei der Johannestaufe ihre Sünden bekennen, stellt sich Jesus damit. Er hält sich nicht außen vor, sondern ist solidarisch. Johannes will Jesus abwehren, aber dieser sagt: „Lass es jetzt geschehen.“ Und es geschieht – da tut sich über Jesus der Himmel auf und der Geist Gottes fährt auf ihn herab.

„Gott nimmt Menschen in den Dienst, um sich offenkundig zu machen“, sagt der Pfarrer seinen knapp drei Dutzend Zuhörern. Deren jüngster meldet sich mit fröhlichem Krähen ab und zu aus der letzten Reihe vom Schoß seines Vaters. Der kleine Junge singt hingebungsvoll im Gottesdienst alle Lieder mit, ihm ist „es“ wohl schon geschehen. Dazu stellten wir uns oft besondere Orte und Situationen vor, sagt Wittkopf, und verschieben die Begegnung mit Gott bis an Lebensende. Dabei sage oft eine leise Stimme mitten im Alltag: „Lass es jetzt geschehen.“

Im Leben eines jeden von uns gebe es entscheidende Erlebnisse, die einen erkennen ließen: Das war meine Taufe. Gute Vorsätze, wie gerade eben wieder von vielen zum Jahreswechsel gefasst, lasse der Alltag meist schnell vergessen. Oft sei es erst eine Krankheit oder eine Krise, die die Stimme Gehör finden lässt: „Lass es jetzt geschehen.“

So sind wir alle noch mittendrin in der Nachfeier dessen, was in Bethlehem und am Jordan begonnen hat, beendetet der Pfarrer seine Predigt. Deren Inhalt passte zur gestern erbetenen Kollekte. Sie unterstützt die seelsorgerische Arbeit für alle Inhaftierten in Berlin und Brandenburg. Damit auch diese Menschen irgendwann die Stimme hören können: „Lass es jetzt geschehen.“ Das Gute.

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