Berlin : Noch tiefer in die roten Zahlen

Dubiose Schuldnerberater versprechen den Weg aus der Finanzkrise, aber viele kassieren am Ende nur

Marc Neller

Herr H. wirkte auf Stefanie Gerber wie jemand, dem sie vertrauen könnte. Keiner, der im teuren Anzug daherkam, um Eindruck zu schinden. Seine Stimme, sein Auftreten – alles an dem Mittfünfziger schien zu signalisieren, dass nur einer in Frage käme, um ihr aus der Klemme zu helfen. Geholfen hat der Mitarbeiter vor allem seinem Arbeitgeber, einem Finanzsanierer aus dem Westen Deutschlands, der Schuldner im ganzen Bundesgebiet betreut. Denn die ersten drei Raten, mehrere hundert Euro, mit denen Stefanie Gerber ihre 16000 Euro Schulden zu tilgen beginnen wollte, hat die Firma einbehalten – als Gebühren. Die Gläubiger sahen keinen Cent.

Jetzt fängt Stefanie Gerber von vorne an. Die öffentliche Schuldnerberatung half ihr, den Vertrag mit den Neppern zu lösen. Die gezahlten Raten aber sind futsch. Weil ihr das alles peinlich ist, will die 45-Jährige nicht mit ihrem tatsächlichen Namen in der Zeitung erscheinen. Dabei ist, was ihr passiert ist, kein Einzelfall. Rund 165000 Berliner Haushalte sind laut Berlins Sozialverwaltung überschuldet. Private Schuldnerberater machen gute Geschäfte. Aber längst nicht alle, die sich als Helfer im Kampf gegen Armut und Elend ausgeben, lösen ihre Versprechen ein. Oft führt die „Hilfe“ nur tiefer in die Misere.

„Von hundert Menschen, die wir beraten, sind etwa sieben einem unseriösen Finanzsanierer auf den Leim gegangen“, sagt zum Beispiel Peter Zwegat, Leiter der Schuldnerberatung Dilab in Friedrichshain. „Und das sind nur die Fälle, von denen wir erfahren.“ Auch die Senatsverwaltung für Soziales und die Verbraucherschutzzentrale gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

„Die Vorgehensweisen ähneln sich“, sagt Zwegat. Hohe Rechnungen, keine Gegenleistung. Mehrere hundert Euro sollte Stefanie Gerber für die Dienste des Regulierers zahlen. „Für ein paar Alibi-Unterlagen, die völlig wertlos sind“, wie ihr neuer Betreuer sagt.

Das schlagende Argument, mit dem die Firmen private Pleitiers überzeugen, ist das Versprechen, schnell zu helfen. Im Schnitt vergehen fünf Monate, bis die Beratungsstellen der Bezirke einen Termin frei haben. „Vielen dauert das zu lang, wenn ihnen die Gläubiger im Nacken sitzen“, sagt Sabine Weisgram, Schuldnerberaterin der AWO in Kreuzberg. Stefanie Gerber jedenfalls hatte diese Geduld nicht. Eine Freundin, die ebenfalls verschuldet war, gab ihr die Telefonnummer von Herrn H., den sie sofort anrief. Ein paar Tage später saß er mit einem Vertrag in ihrem Wohnzimmer.

Mundpropaganda kommt dubiosen Anbietern gelegen, aber es geht auch anders. Denn wenn ein Schuldner den Offenbarungseid leistet, gelangt seine Adresse in die Gerichtsverzeichnisse – die ideale Kundenkartei. „Natürlich sind nicht alle privaten Schuldnerberater unseriös“, sagt Olivia Manzke, die Fachfrau des Senats für solche Angelegenheiten. „Aber wenn per Post unangefordert Hilfsangebote kommen, ist Vorsicht geboten.“ Die Finanzsanierer der Bezirke beklagen, dass dubiose Pleitehelfer zwar moralisch unanständig vorgehen, aber gerade eben noch legal. „Vieles spielt sich im dunkelgrauen Bereich ab“, sagt Schuldnerberater Zwegat.

Eine Firma allerdings, die er und die Kollegen seit Jahren sehr aufmerksam beobachten, steckt nun in Schwierigkeiten. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat den Geschäftsführer der Taurrus GmbH und dessen Frau angeklagt. „Gewerbsmäßiger Wucher“ lautet der Vorwurf. Die Firma mit Sitz nahe Hannover habe in den vergangenen Jahren bundesweit zigtausend Kunden „abgezockt“, vermutet Sven Gärtner vom Arbeitskreis Neue Armut der Schuldnerberatung in Neukölln. „Dass Berliner Schuldner betroffen sind, ist bekannt, wie viele, ist nur schwer zu ermitteln“, sagt der auf Schuldenberatung spezialisierte Anwalt Jörg Franzke. Doch Taurrus, das bestätigen Anwälte wie Beratungsstellen, ist kein unbeschriebenes Blatt.

Was die Staatsanwälte unter anderem interessiert, ist die Zusammenarbeit zwischen Taurrus und einem Juristen. Denn nach der Gebührenrechnung flatterte säumigen Schuldnern die Zahlungserinnerung eines Anwalts ins Haus, der sich nebenbei als neuer Rechtsbeistand vorstellte. So arbeiten viele gewerbsmäßige Sanierer. Einige Schuldner haben auch eine Vollmacht unterschrieben – einträgliche Geschäfte für den Juristen. Schuldnerberater Zwegat sieht in dem Vorgehen „ein fragwürdiges System zur Mandantenakquise“. Der besagte Anwalt bestreitet das. Dem „Spiegel“ sagte er: Zwar seien während eines begrenzten Zeitraums Kunden an ihn weiterempfohlen worden, doch erfolgte „die Bearbeitung der Mandate stets unabhängig“.

Im Fall Taurrus und in etlichen anderen Fällen haben Anwalt und Schuldenregulierer die gleiche Adresse. Was laut Zwegat dazu führt, dass „zum Teil realitätsferne Gebühren“ berechnet werden.

Die Verbraucherzentrale mahnte im vergangenen Jahr etliche Sanierer wegen sittenwidriger und irreführender Reklame ab. Der Schulden-Nepp aber geht weiter.

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