Berlin : Nörgeln war gestern

Mit „250 Gründe, unser Land zu lieben“ hat Florian Langenscheidt eine Bibel für mehr Zuversicht vorgelegt. Heute feiert er zusammen mit vielen prominenten Gästen die Buchpremiere im Hotel Intercontinental Die Jury aus vielen klugen Köpfen klingt selbst wie eine Hitparade

Elisabeth Binder

Jammern war vorgestern. Die Generation „Positives Denken“ ist auf dem Siegeszug und legt jetzt noch mal kräftig nach mit einer bibeldicken Gebrauchsanleitung. Am heutigen Sonntag feiert sie den neuen Optimismus aus Anlass der Buchpremiere „Das Beste an Deutschland. 250 Gründe, unser Land zu lieben.“ Herausgeber ist der vielfältig sozial engagierte Florian Langenscheidt. Die große Vergangenheit mit Goethe, Schiller, Beethoven hat er bewusst ausgespart und sich ganz auf das aktuelle Deutschland nach der Wende 1989 konzentriert.

Auf jeweils einer Seite wird jeder Grund, dieses Land zu lieben, portraitiert. Das ist ein interessantes Experiment in einem Land, das aufgrund seiner Vergangenheit so lange unter einer Nationalstolz-Phobie gelitten hat. Dass es so gut funktioniert, liegt sicher auch daran, dass manche Gründe eher demütig als größenwahnsinnig stimmen und in ihrer Dichte sogar spontane Anfälle von Fernweh auslösen können.

„Die Altstadt“ führt die Kategorien der so genannten Masterlist an, und das ist mit Rothenburg ob der Tauber eine klassische Augenweide amerikanischer Touristen. Neuschwanstein folgt dann später unter „Das Schloss“. „Die Babynahrung“ ist natürlich „Hipp“, „Der Bleistift“, ganz klar, ein „Faber-Castell“. Wären da nicht der Dresdner Christstollen („Das Weihnachtsgebäck“) und die Dresdner Frauenkirche („Die Wiederaufbauleistung“), könnte man zu dem Schluss gelangen, dass das alles noch ein bisschen westlastig angehaucht ist. Wenigstens beim Pikkolo hätte man statt „Henkell trocken“, den ruhmreichen Rotkäppchen-Sekt nennen können. Immerhin wird eine Mailadresse für Verbesserungsvorschläge angegeben. Da Meckern sowieso out ist, fällt der Blick gerade noch rechtzeitig auf „Die Bundeskanzlerin“ (Angela Merkel), „Das Symbol“( Brandenburger Tor), sowie, man staune, „Die Weltstadt“ (Berlin). Die ist gleich zweimal aufgeführt, denn „Das Filmfestival“ findet nicht etwa in Hof oder sonstwo statt, sondern auf der Berlinale. Natürlich dürfen auch typisch deutsche Tugenden nicht ausgelassen werden, wie Sauberkeit oder Gründlichkeit.

Sicher eignet sich das Buch ganz wunderbar dazu, den eigenen Geschmack zu erforschen. Möchte man wirklich in einem Land leben, das in seinen Höhenflügen von Sauerkraut und Haribo handelt, von Eckkneipe und Allianz Arena, von Schwartau und Persil, von Tchibo und Leibniz-Keks, von Stammtisch und Schrebergarten? Von Quark und Otto und Gemütlichkeit? Man kann sich gut vorstellen, dass man angesichts dieser Ballung nur noch Lust hat, in der Kategorie „Weltoffenheit“ zu verschwinden, die da heißt „Reiselust“ und sich möglichst bis ans Ende der Welt katapultieren lässt, wo keine Gefahr besteht, Petra Gerster über Ulrich Wickert oder Stefan Raab über Michael Bully Herbig lesen zu müssen. Einerseits.

Andererseits ist manches, was auf Anhieb wie ein Abtörner klingen mag, am Ende vielleicht gerade ausschlaggebend für den „emotionalen Turnaround“, den Langenscheidt und seine Mitstreiter sich wünschen. Wer nicht bei Schwarzwälder Kirschtorte kleben bleiben will, muss aufstehen und sich aufmachen in die schöne neue Welt der Carot Cakes. Vielleicht funktioniert das Buch eher wie eine aufweckende kalte Dusche, als wie ein mitreißender Cheerleader. Vielleicht muss man da mit der Frage rangehen: „Das kann doch nicht alles ernst gemeint sein?“

Die Jury für das Beste, was dieses Land zu bieten hat, besteht immerhin aus klugen und originellen Köpfen und klingt selbst wie eine Hitparade. Dazu gehören unter anderem Franz Beckenbauer, Sabine Christiansen,Cosma Shiva Hagen, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort und Anne Will. Dieses Buch, von offensiv optimistischem Geist getragen, es will, wie es im Vorwort heißt, nichts weniger als „die Welt verändern“. Deshalb ist es „eingebettet in eine Fülle publizistischer Aktivitäten“. Dazu gehört die große abendliche Premierenparty heute im Interconti. Dort treten neben Florian Langenscheidt zwei Gastgeber auf, die selber einen Platz unter den Besten haben: Sabine Christiansen („Die Talkshow-Moderatorin“) und Manfred Schmidt („Der Gastgeber“).

Wer das jetzt zu kommerziell findet, sollte wahrscheinlich seinen Optimismus zur Inspektion bringen. Florian Langenscheidt kennt die Stolperfallen und benennt sie auch: „Wir neigen einfach dazu, bei jeden Olympischen Spielen die Erfolge unserer Athleten nicht zu feiern, sondern auf den einen Dopingskandal zu schauen...“. Stimmt genau. Nichts wäre an dieser Stelle gesellschaftlich unkorrekter, als jubelnd auszurufen: „Endlich! Die tun was.“ Viel besser wirkt ein kritischer Hinweis auf die ganze Schleichwerbung.

Das wissen die aber auch, na klar. Allen Beteiligten sei bewusst, dass dieses Buch jeden Verriss einfach mache, ja dazu fast einlade, verkünden sie vorsichtshalber. Darauf einen Jägermeister.

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