• Nollendorfplatz: Unterschiedliche Entwürfe, ein Ziel: viel mehr Raum für Fußgänger

Nollendorfplatz : Unterschiedliche Entwürfe, ein Ziel: viel mehr Raum für Fußgänger

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Platz mal vier. Janine Teßner lässt in ihrem Entwurf die Straßenführung weitgehend bestehen, schafft aber an den Einmündungen der Seitenstraßen vier markante Plätze an frequentierten Stellen, etwa vor dem „Goya“. Sie sieht nicht nur kleine Gärten für die Bepflanzung vor, sondern als deren Begrenzung auch große „Sitzskulpturen“. Ihr Wunsch: „mehr Öffentlichkeit, mehr Leute“.
Platz mal vier. Janine Teßner lässt in ihrem Entwurf die Straßenführung weitgehend bestehen, schafft aber an den Einmündungen der...

Die Aufenthalts- und Verweilqualität des Nollendorfplatzes zu stärken, ist das Ziel aller Arbeiten des Studienprojekts, das Astrid Zimmermann am Masterstudiengang Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität betreut hat. Die Berliner Landschaftsarchitektin lässt ihren Studentinnen und ihren Ideen den Vortritt: Janika Schmidt (30) und Janine Teßner (24), haben ihre Konzepte für unsere Serie ein Stück weiterentwickelt.

Janika Schmidt (Entwürfe unten) gibt dem Nollendorfplatz eine neue Form, macht ihn zu einem gestreckten Oval. Daraus ergibt sich ein umlaufender Promenadenring „in Anlehnung an die alte Platzstruktur von 1900“. Von den Flächen des motorisierten Verkehrs abgegrenzt wird die Promenade durch Sitzelemente und eine Reihe japanischer Schnurbäume, „mit lockeren Kronen, gelben Blüten und leuchtend gelbem Herbstlaub“. Drei der vier einmündenden Seitenstraßen sollen künftig nur noch Einbahnverkehr aufnehmen: die Motzstraße vom Platz weg, Maaßen- und Else-Lasker-Schüler-Straße auf den Platz hin. Die Einemstraße wird schmaler.

Wichtig ist auch, dass es nach ihrem Entwurf „keine Ecken mehr gibt, in die man sich verdrücken kann“, sagt

Janika Schmidt mit Blick auf die gegenwärtige Situation und meint besonders den Bereich der von Westen her aufsteigenden Hochbahnrampe. Die in diesem Bereich vorhandenen Bäume blieben selbstverständlich erhalten, würden nun

allerdings nicht mehr in abgeteilten, überwucherten Gartenflächen stehen, sondern in lockeren Hainen.Der Bahnhof würde, wenn es nach ihren Vorstellungen geht, von einem großzügigen Plattenbelag umgeben und als Mitte hervorgehoben. Zudem würden dort „hohe Bodenleuchten für einen gleichmäßig erhellten Platz“ sorgen. Am Platzrand setzen Mastleuchten „kleine Lichtpunkte“.

Janine Teßner dagegen behält die Straßenführung der Kleist-/Bülowstraße bei (Entwurf oben), lässt dafür aber an den Einmündungen der Seitenstraßen insgesamt vier markante Plätze vor den „zulaufstarken Gebäuden“entstehen – gemeint ist etwa das „Goya“, vor dem sich abends regel-

mäßig Besucherschlangen bis auf die Straße drängen. Diese Plätze wirken wie einander ergänzende „Puzzleteile“, die den Gesamtraum „zusammenziehen“. Entscheidend ist auch hier der Rückbau der überdimensionierten Seitenstraßen: Die Motzstraße wird Einbahnstraße, die Else-Lasker-Schüler-Straße durch Aufpflasterung auch optisch als Sackgasse kenntlich gemacht. Die einzelnen Plätze geben angrenzenden Gebäuden mehr Raum und erhalten ihrerseits durch Bepflanzung kleine „Gärten“, die von Sitzelementen aus Beton gefasst werden. „Mehr Öffentlichkeit, mehr Leute“ will Janine Teßner auf den Platz holen – und „nicht nur Alkoholiker oder Drogenabhängige“, wie sie

entsprechende Zweifel pariert. Sie stellt sich für den

Nollendorfplatz „große Sitzskulpturen, keine kleinen Bänkchen“ vor.

In beiden Entwürfen verschwindet der derzeitige Parkplatz zwischen Motz- und Maaßenstraße. Das ist so selbstverständlich, dass es keiner Erwähnung bedarf. Auch werden die Einmündungen der Nebenstraßen, denen, wie etwa bei der Einemstraße, noch Autobahnkonzepte der fünfziger und sechziger Jahre zugrunde liegen, generell reduziert. Beide Studentinnen wünschen sich als Ergebnis ihrer Vorschläge, „dass das Leben aus den Kiezen auf den Platz hinüberschwappt“. Und sie sind realistisch genug zu erkennen, „dass wir nicht mit Freiraumgestaltung soziale Probleme lösen können“. Bernhard Schulz

Der Nollendorfplatz bildet ein Teilstück des „Generalszuges“, jener großzügigen Ost-West-Verbindung, die ab 1855 im Süden Berlins angelegt wurde. Der Stadtplaner und Ingenieur James Hobrecht griff dabei auf Entwürfe von Peter Josef Lenné zurück. 1864 erhielten die Straßen ihre Namen nach Feldherrn und Schlachten der Befreiungskriege von 1813/15. Der Nollendorfplatz, im damals „Neuen Westen“ gelegen, erhielt erst ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts seine zum Teil noch heute vorhandene Bebauung. Noch später kam die prägende Gestalt des U- und Hochbahnhofs hinzu, letztmalig erweitert 1926. Der Hochbahnviadukt teilt den Platz optisch in zwei Hälften. Der Ausbau der Kleist- und Bülowstraße zu Hauptverkehrsstraßen verstärkt diesen Eindruck. Rings um den Nollendorfplatz befand sich bis zum Zweiten Weltkrieg ein bürgerliches Viertel, wovon die Stadtvillen in Richtung Lützwoplatz zeugen, im Süden dann eher ein Vergnügungsviertel. Das heutige „Goya“ eröffnete 1906 als „Neues Schauspielhaus“ mit 1100 Plätzen; schräg gegenüber in der Motzstraße stand einer der ersten Kinobauten Berlins. Bis heute gehören Freiflächen und temporäre Bauten zum Bild des Nollendorfplatzes – wie auch der Autoparkplatz an dessen Südseite. BS

Astrid Zimmermann (Bildmitte), Landschaftsarchitektin im Büro Zplus mit Lehrauftrag an der TU Berlin, hat den beiden das Thema eingebrockt: Janine Teßmer (links), 10. Semester, und Janika Schmidt, 9. Semester, sind zwei von 14 Teilnehmern des Masterstudienganges, der sich mit dem Nollendorfplatz beschäftigt. Ihre gegensätzlichen Entwürfe haben die beiden für diese Serie weiter ausgearbeitet. Der Anstoß für das Uniprojekt kam u. a. von unzufriedenen Anwohnern. Die Studentinnen haben sich vor allem die gestalterische Neuordnung und Lösungen für die dominanten Verkehrsräume zum Ziel gesetzt. Astrid Zimmermann arbeitet in Projekten für die TU an der Schnittstelle von Praxis, Forschung und Wissensvermittlung (z. B. Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Außenanlagen auf Bundesliegenschaften). Als freischaffende Landschaftsarchitektin plant sie Freiräume für private und öffentliche Auftraggeber, und sie ist Fachautorin.

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