Berlin : Nora von Lampe (Geb. 1929)

Sie spürt den weichen Samt der Sitze in der Oper, hört die Arien.

Tatjana Wulfert

Ein Tisch. Ich brauche einen großen Tisch.“ Nora steht in der Mitte des Zimmers, misst mit den Augen den Abstand von einer Wand zur anderen. Sinkt nachdenklich in einen Sessel. Springt im nächsten Moment auf. „Ja. So könnte es gehen. Ich nehme die Tischtennisplatte.“ Sie verrückt Möbel, breitet weiße Tischtücher über die Spielfeldmarkierungen, färbt hundert Eier, bäckt Kulitsch, einen Hefekuchen, der wie die Kuppel einer orthodoxen Kirche aussieht, verrührt die Zutaten für die Passcha, eine süße Pyramide aus Quark, stellt Stapel zarter Butterbrote, russisches Schwarzbrot, Töpfe voll Konfitüre, Kannen mit Kakao, Kaffee und Tee auf den Tisch. Es läutet an der Tür, nach und nach betreten, je nach Alter behende oder behäbig, vierzig Menschen das Zimmer. Zum traditionellen russischen Osterfrühstück.

Jedes Jahr kommen die Verwandten; Nora hält die Familie zusammen. Eine Familie, die von weit her, aus dem Baltikum und aus Russland kommt, die versprengt an vielen Orten lebt, bis nach Chile.

Einen sicheren Kindheitsort gab es für Nora nicht: Vom Rheinland zog die Familie nach Leipzig. Leipzig wurde ausgebombt. Es ging weiter nach Petkus, ein Dorf bei Berlin. Nora versorgte ihre jüngeren Brüder. Verband, 16-jährig, Soldaten die Wunden. Sah die Soldaten sterben. Wurde 1948 in Buch Krankenschwester für Säuglinge und Kinder.

Das Schwesterngehalt war klein. Die Preise für Kultur im Ostteil der Stadt auch. Unentwegt lief sie mit ihrer Freundin ins Theater und in die Oper. Für den letzten Auftritt von Heinrich Schlusnus stellte die eine sich abends um sieben in die Schlange vor der Staatsoper, bis früh um vier, dann kam die andere von der Nachtschicht mit dem Zug aus Buch und übernahm, bis die Kasse öffnete. Manche Aufführung sahen die beiden zweimal, zuerst auf den hinteren Plätzen, dann weiter vorn, für ein paar Mark mehr.

Hin und wieder begleitete sie ihre Freundin auf ein Tanzvergnügen, ließ sich auch mal auffordern, im Grunde aber waren ihr die jungen Männer zu kindlich.

Derweil plauderte ihre Mutter in Halle mit einem Herrn, Walter von Lampe, ein Deutschbalte auch. Nora begegnete diesem Herrn von Lampe im Haus ihrer Eltern – und verliebte sich in ihn. Er war 24 Jahre älter. Noras Familie fand nichts Bedenkliches daran. Tolerant und weitherzig waren sie schon immer. Walter baute in West-Berlin eine Firma auf, Nora blieb bei den zwei Söhnen, kochte, wusch die Wäsche mit der Hand, schleppte Kohlen für die Öfen.

1961 wurde die Mauer gebaut. Nora redete auf ihre Eltern ein: Flieht, kommt rüber zu uns. Aber sie kamen nicht, ein Leben lässt man nicht so einfach zurück. Jahre später, alt geworden, überlegten sie es sich anders. Alles war vorbereitet für die Ausreise. Da starb die Mutter, 1971. Und 1977 Walter.

Witwe mit 48. Die Traurigkeit. Der Schmerz. Die Einsamkeit.

Nora erinnert sich an ihre frühen Berliner Jahre. Geht los. Spürt wieder den weichen Samt der Sitze in der Oper, hört hingerissen die Arien, sieht das Minenspiel der Sänger, vorn auf den guten Plätzen. Besucht Ausstellungen, trägt immer einen Katalog nach Hause. Richtet für die Enkel ein Zimmer in ihrer Wohnung ein. Pflegt ihren Vater. Spendet Geld für die SOS-Kinderdörfer, für Unicef. Reist ins Baltikum.

Einige Kuchenkrümel liegen verlassen auf dem Tisch, Quarkreste, eine Neige kalter Kaffee in einer Tasse. Die Erwachsenen schwatzen, die Kinder spielen. Nora lehnt am Türrahmen und betrachtet ihre Familie. Tatjana Wulfert

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