Berlin : Nordische Botschaften

Mit großem Erfolg spielten „Stereo Total“ in Schweden. In Stockholm gelten Françoise Cactus und Brezel Göring als Ikone der Berliner Avantgarde

Jonas Jonsson

Ursprünglich wollte Françoise Cactus ja nur ein Jahr in Berlin bleiben. Aber dann verliebte sie sich bei einem Bäcker in der Adalbertstraße in den Elektrikfan Brezel Göring. Die beiden gründeten Mitte der 90er Jahre die Band „Stereo Total“, begeisterten erst die Berliner, sind längst deutschlandweit bekannt, und inzwischen steigt auch in Schweden unaufhaltsam die Zahl der Fans.

Draußen vor dem Stockholmer Klub „Göta Källaren" steht eine lange Schlange. „Security? Nein, haben wir nicht. Wäre doch ein schöner Tod, von seinen Fans zertrampelt zu werden“, findet Françoise und strahlt, weil so viele Fans gekommen sind. Die Karten für das Konzert waren in Stockholm vier Monate vorher ausverkauft. „Stereo Total“ ist in Schweden ein Hit, ihre Lieder werden gerade in allen Radio-Stationen gespielt.

Wenn es um junge Kunst- und Musikkultur geht, so scheint die deutsche Hauptstadt bei der trendbewussten, durchgestylten skandinavischen Jugend erst einmal das Rennen gewonnen zu haben. Zumindest im Bereich Kunst finden die Stockholmer Berlin viel spannender als Paris und London, behauptet die größte schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“. In den Trend passt „Stereo Total“ gut hinein. Das neue Album „Musique Automatique“ wird in Schweden als Neuentdeckung gefeiert und deckt sich mit dem Lebensgefühl junger Schweden. Das schräge deutsch-französische Liebesduo macht sich gut und ist dem nationalen Jugendradiosender P3 sogar eine ganze Stunde eine Live-Show wert gewesen

Nachdem Françoise Cactus ihre Band „Lolitas“ aufgab, spielte sie mit Brezel Göring erstmals 1995 in Berliner Galerien und kleineren Läden, wie dem „Friseur" in Mitte. Schon bald avancierte die Französin mit ihrem wohl klingenden Akzent zum Aushängeschild für guten deutschen Indie-Pop. Genau das fasziniert auch in Skandinavien, wo man deutsche Musik lange Zeit mit Namen wie „Rammstein" oder „Blümchen" verbunden hat. Das Besondere an „Stereo Total" ist, dass die beiden bislang allen Genrebeschreibungen trotzen. Françoise meint stolz: „Journalisten schaffen es einfach nicht, unseren Musikstil mit weniger als fünf oder sechs Adjektiven zu beschreiben."

Ein Versuch: Die Musik ist eine hybride Mischung aus spielerischem Indie-Pop, schwer beeinflusst von Serge Gainsbourg und dem französischen Chanson in seiner schnulzigsten Form, dazu verbunden mit einem gewissen Garagen-Rock, viel Ironie und einem an die 60er und den 80er orientierenden Elektro-Pop-Überbau – so könnte man ihren Musikstil beschreiben.

Der beliebteste Radiohit der Schweden ist „Liebe zu Dritt". Da singt Françoise davon, dass die Beziehungen zwischen Menschen immer virtueller werden, denn viele sitzen heutzutage doch zu Hause herum, schicken sich ständig Mails und glauben, sie hätten viele Freunde. „Aber die fassen sich nie an, die schicken nur irgendwas durch ihre Computer.“ Und was hat das mit flotten Dreiern zu tun? „Es geht im Lied nicht um irgendwelche Sexualpraktiken, die ich bevorzuge. Wirklich. Ich wollte einfach nicht so eintönig singen: Leute ihr seid so blöd, weil ihr euch nur E-Mails schreibt."

Die beiden treten gern in Skandinavien auf. „Die Leute hier sind sehr an Underground-Pop interessiert", freut sich Françoise Cactus und ihr Freund Brezel Göring schiebt sofort hinterher, dass die Menschen in Stockholm und Schweden „sehr sensibel auf Trends reagieren“. Viele Fans kennen die Lieder auswendig und singen die deutschen und französischen Texte mit. Françoise hat festgestellt, dass die Menschen in Stockholm besser aussehen als in Berlin. Besonders die Mädchen sind ihr aufgefallen, alle „wie schicke Fotomodelle“. Ganz anders als in Berlin, wo die Leute „unglaublich langweilig angezogen“ seien, „so grau“. Auch die Frisuren der Stockholmer Frauen kamen Françoise moderner vor als in Berlin.

Die Lieder nehmen Françoise und Brezel in der gemeinsamen Wohnung in Mitte auf. Sie haben lange in Kreuzberg gewohnt, und ziehen wohl bald wieder dorthin zurück. Auf den Straßen von Mitte sei nichts mehr los, es gäbe keine vernünftigen Geschäfte, keine vernünftigen Cafés. „Die Leute sind borniert und prätentiös."

Trotzdem finden Françoise und Brezel Berlin die ideale Stadt für Künstler und Musiker. Françoise sagt sogar, das Leben in Paris sei unerträglich. Die Mieten unverschämt hoch. „Für so eine kleine Scheiß-Bude im sechsten Stock ohne Aufzug, bezahlt man so viel wie in Berlin für eine Vierzimmerwohnung.“ Nur deshalb sind die Menschen ständig in „materieller Not“ und müssen so viel arbeiten, dass sie keine Zeit haben sich ihren Künsten zu widmen.

Berlin mögen die beiden sehr gern. Und der aus Kassel stammende Brezel lobt das entspannte Arbeitsklima in der Stadt. Er jedenfalls erlebe kaum Konkurrenz und Neidgefühle unter den Musikern. Man ist freundlich zueinander und es herrsche „eher so eine Art wohlwollender Gleichgültigkeit, die ziemlich konstruktiv dazu beiträgt immer individualistischer zu werden, statt sich an irgendetwas anzupassen."

Berliner Fans von „Stereo Total“ müssen auf den nächsten Auftritt der beiden noch ein bisschen warten. Das Duo spielt am 26. Juli auf der Museumsinsel, wo es den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ musikalisch begleitet. Ein neues Album soll erst nächstes Jahr herauskommen.

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