Berlin : Norwegisch-Unterricht: Am Anfang stand das Grieg-Projekt

Amory Burchard

Die Camille-Claudel-Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg ist eine Schule, die von allem mehr will. Mehr Kunst, mehr Musik als andere Schulen - das versteht sich für ein künstlerisch-musisches Gymnasium von selbst. Aber auch die geographische Orientierung verrät einen Hang zum Besonderen. Zu besonders schwierigen Sprachen: Japanisch ist dritte Fremdsprache und Norwegisch, das bislang noch als Arbeitsgemeinschaft angeboten wird, soll ordentliches Schulfach werden.

Als das norwegische Außenministerium und die Berliner Schulverwaltung 1994 das "Grieg-Projekt" starteten, war die Camille-Claudel-Oberschule dabei. Werke des norwegischen Komponisten Edvard Grieg für Schüler zu arrangieren und später in einer Kurzfassung in der Philharmonie aufzuführen, sei eine Herausforderung gewesen, sagt der Schulleiter. Und der Beginn allen Norwegen-Engagements. "Da muss es doch noch mehr geben", verlangten Schüler und Lehrer nach fünf Jahren Grieg-Projekt und einem ersten Schüler- Lehreraustausch mit einer Schule in nordnorwegischen Andenes. Zu den Norwegen-Themen, denen sich die schuleigene Geschichtswerkstatt inzwischen gewidmet hat, gehören: Der norwegische Widerstand gegen die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, das deutsche Exil in Norwegen und die Nordreisen Kaiser Wilhelms II.

Heute ist die Camille-Claudel-Oberschule fast ein Außenposten Norwegens in Berlin. Der Norwegisch-Unterricht, den das Gymnasium seit dem Februar 2000 anbietet, ist der einzige in ganz Deutschland. Die zehnköpfige Arbeitsgemeinschaft, die sich immer dienstags in der siebten Stunde um die junge Skandinavistin Julia Stoeber versammelt, ist sogar der erste Norwegisch-Schulunterricht in Deutschland seit 1936, sagt Schulleiter Stock. An den Unterricht gekoppelt ist ein nunmehr staatlich geförderter Schüleraustausch mit der Kathedral-Schule in Oslo: Jeweils zwei oder drei Jugendliche lernen zwischen August und Dezember in der Partnerschule, leben bei norwegischen beziehungsweise deutschen Gastfamilien.

Der norwegische Staat fördert das Programm mit einem Stipendium von 3000 Mark pro Schüler. Dahinter steht die "Deutschland-Strategie" des norwegischen Außenministeriums, in Berlin sehr engagiert vertreten von der norwegischen Botschaft. Im Gegenzug will die Camille-Claudel-Oberschule den beiden jungen Norwegern, die im September nach Berlin kommen, deutsche Sprachdiplome aushändigen, die später an der Uni anerkannt werden.

Die Berliner Schüler lernen in Norwegen nicht nur die Landessprache, sagt Julia Stoeber, sondern auch Englisch. Weil angloamerikanische Filme nicht synchronisiert werden, sind die Bewohner der nordischen Länder im Englischen viel weiter als die deutschen. Im Schulunterricht können dann auch entsprechend höhere Anforderungen gestellt werden.

Auf Englisch habe er sich in den ersten Monaten mit seinen Gasteltern und Schulkameraden Oslo verständigt, bestätigt Stephan Adam. Von August bis Dezember 2000 besuchte der damals 16-Jährige die Kathedral-Schule. Fließend Norwegisch konnte er am Ende aber doch. Die Probe aufs Exempel machte im Januar 2001 der norwegische Bildungsminister Trond Giske. In der Camille-Claudel-Oberschule traf er Berliner Austauschschüler, darunter Stephan. Als guter Demokrat fragte der Minister, was ihm in Norwegen "besser und was schlechter gefallen habe". Als gutem Schüler fiel Stephan nur Gutes ein. Jeder Lehrer hat in Norwegen e-mail, rekapituliert Stephan seine Antwort. "Mailt mich an, wenn ihr Fragen habt", sagen die Lehrer nach der Stunde.

Schulleiter Peter Stock weiß, mit Norwegisch-Kenntnissen erschließt sich den Schülern später der ganze skandinavische Raum als Arbeitsmarkt. In Norwegen selbst sind vor allem Mitarbeiter im Gesundheitssystem gesucht. Julia Stoeber empfiehlt ihren Schülern zur Studien- oder Berufsvorbereitung die einjährige norwegische "Volkshochschule". Von sozialen Berufen bis zur umweltorientierten Freiluftschule gibt es dort eine fundierte praktische Ausbildung im staatlichen Bildungssystem.

Die nächsten Gäste aus Norwegen würde Schulleiter Stock gerne mit einer Schüler-Aufführung eines norwegischen Theaterstücks überraschen. Henrik Ibsens "Wenn wir Toten erwachen" wäre wieder eine Herausforderung. Was derzeit noch fehlt, ist eine deutsche Übersetzung des selten aufgeführten Dramas. Selbst die Kulturabteilung der Botschaft konnte noch nicht helfen.

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