Wie entscheiden die Pfleger?

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Notaufnahmen in Berlin : Herz, Ärzte und Versagen
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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.
Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.dpa

Die Ersteinschätzung von Patienten ist ein großes Thema, so überlaufen wie die deutschen Rettungsstellen sind. Bundesweit gibt es etwa 1000, jedes Jahr werden sie von mehr als 20 Millionen Menschen aufgesucht. Viele sind in Not, aber manche kommen auch, weil sie außerhalb der Arbeitszeiten keinen Termin beim Arzt bekommen oder es praktisch finden, an einem Ort zu sein, wo sie gleich geröntgt werden können. „Die Rettungsstellen werden überschwemmt von Feld-, Wald- und Wiesen-Problemen“, sagt Paul Brandenburg, Mediziner und Autor des Buches „Kliniken und Nebenwirkungen“. Den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte nehmen jährlich bundesweit nur 3,9 Millionen Menschen in Anspruch. Sein Angebot ist aber auch begrenzt: In Berlin zum Beispiel gibt es für Erwachsene lediglich eine allgemeinmedizinische Bereitschaftspraxis und die schließt am Wochenende um 22 Uhr. Danach kann man nur noch einen Arzt nach Hause rufen.

Umso wichtiger ist es für die überlasteten Rettungsstellen, ihre Krankenpfleger so auszubilden, dass sie in der Lage sind zu entscheiden, wer im vollen Wartezimmer den Arzt zuerst sehen soll. In England wurde dazu das Manchester Triage System entwickelt, heute wenden es auch rund 200 deutsche Rettungsstellen an. In Berlin übernimmt die Weiterbildungsakademie der Charité die Schulungen. Vereinfacht ausgedrückt bekommen die Pfleger 50 Entscheidungsbäumchen – Diagramme genannt – an die Hand, für jedes Beschwerdebild, mit dem man es in der Rettungsstelle zu tun haben kann, eins. Zum Beispiel Kopfschmerz: Da soll der Pfleger unter anderem fragen, ob der Nacken steif ist, man erbrechen muss, eine empfindliche Kopfhaut bekommen hat oder den Stuhlgang nicht mehr kontrollieren kann, und je nachdem, wie die Antworten ausfallen, wird der Patient einer Dringlichkeitsstufe und Farbe zugeordnet. Wer Rot kriegt, muss sofort einen Arzt sehen, wer Orange bekommt innerhalb von zehn Minuten, Gelb innerhalb von 30, Grün innerhalb von 90 und Blau innerhalb von 120 Minuten. Die Einschätzung selbst sollte nicht länger als zwei Minuten dauern.

Mehrstündige Wartezeiten sind in Rettungsstellen häufig

Das klingt effizient, doch ist die Frage, ob das System hält, was es verspricht. Meist sind Symptome diffus, bei Aymeric hätten vier Diagramme durchgearbeitet werden müssen, Extremitätenprobleme, Rückenschmerzen, Thoraxschmerzen und Unwohlsein, dabei wäre die Schlange der Wartenden immer länger geworden. Und selbst wenn sich der Pfleger trotzdem die Zeit genommen hat: Im Rückenschmerz-Diagramm, Aymerics erstem Symptom, wird eine mögliche Herzerkrankung nicht erwähnt. Und so wird Aymeric als Gelb, dritte Dringlichkeitsstufe, markiert. Das heißt, er soll innerhalb von 30 Minuten von einem Arzt gesehen werden. Gut zwei Stunden später, um 23.55 Uhr ist das immer noch nicht passiert und Aymeric geht nach Hause. Er telefoniert noch einmal mit dem Freund, mit dem er am Samstag joggen war. Es geht mir richtig schlecht, sagt Aymeric, jetzt mal Schluss mit dem Rauchen, sagt sein Freund, ja, das sowieso, sagt Aymeric. Dann legen sie auf.

Mehrstündige Wartezeiten sind in Rettungsstellen auch bei gelben Fällen keine Seltenheit, gerade in einer Stadt wie Berlin. In die Notaufnahmen hier kommen jährlich mehr eine Million Menschen. Die Ärzte stecken in einem Dilemma: Einerseits müssen sie sorgfältig arbeiten, andererseits müssen sie viel zu viele Patienten sehen. Dass einer, der vor Schmerzen weint, das Krankenhaus verlässt, weil er am nächsten Tag früh aufstehen muss, ist kaum zu verstehen. Hätte Aymeric an diesem Abend mehr Geduld gehabt, könnte er heute noch am Leben sein. Seine Mutter sagt, sie habe ihm zum Bleiben überreden wollen, habe ihm zugeredet, die Arbeit abzusagen, aber er habe gesagt: Nein, das ist mein zweiter Tag, da kann ich nicht fehlen. Aymeric habe beruflich eben durchstarten wollen, sagt ein Freund, erst wollte er ein paar Jahre Erfahrungen sammeln, dann selbst etwas gründen. Und dann erzählt er die Geschichte, wie Aymeric im Urlaub mal einen Skistock ins Gesicht bekam. Richtig übel habe das ausgesehen, aber Aymeric habe sich kaum beschwert.

Am Dienstag, den 19. Februar 2013, geht Aymeric so früh aus dem Haus, dass sein Mitbewohner Lucas noch schläft, und steigt in die Ringbahn. Er fährt vorbei an Mietskasernen und Kleingärten, in denen Regenbogenfahnen flattern, „The show must go on“ ist an die Wand eines Bahnhofs gesprüht, danach verlaufen die Gleise eine Weile parallel zum Stadtring, auf dem große blaue Schilder nach Hamburg weisen. Am S-Bahnhof Beusselstraße steigt Aymeric aus. Er läuft über die Beusselbrücke, Baujahr 1970–71, die hier angeketteten Fahrradleichen wirken nicht viel jünger, und runter zum Großmarkt, vorbei am weißen Pförtnerhäuschen und am Fruchthof, wo zerquetschte Orangen auf dem Boden liegen. Im Lager ordnet er Lebensmittel und packt ein paar Kisten, mittags geht er mit seinem Kollegen Lennart eine Bockwurst essen. „Alles was das Herz begehrt“ steht über der Tür der Imbissbude, in den Fenstern hängen Vorhänge. Aymeric sei verhalten gewesen, sagt Lennart, am Nachmittag habe er dann darum gebeten, früher gehen zu können. Er habe solche Rückenschmerzen, er müsse zum Arzt. „Gute Besserung und bis morgen“, sagt Lennart, „ja, bis morgen“, sagt Aymeric.

Ärzte versuchen, Patienten rasch wieder loszuwerden

Anruf von Aymeric, 19. Februar, 16 Uhr: „Mama, die Arbeit war ein Albtraum.“ Er habe mehrere Ärzte durchtelefoniert, nun habe er endlich einen Orthopäden gefunden, der einen Termin frei habe, gleich jetzt, um 16.30 Uhr.

Seine Praxis hat der Orthopäde in einer Straße in Kreuzberg mit vielen Restaurants. An einem anderen Tag wäre Aymeric hier vielleicht mit seinen Freunden essen gegangen, an diesem geht er über einen Hof und dann hoch in den vierten Stock. Im Wartezimmer hängt ein Bild vom Fernsehturm, im Behandlungsraum eine Schautafel zum Kreuzbandriss. Auf den Fall angesprochen sagt der Arzt im ersten Moment, er könne sich nicht an Aymeric erinnern, im zweiten ist er schon aufgestanden, „es gab nichts Auffälliges“, ruft er und läuft zur Hintertür. Besonders lang hat er Aymeric an jenem Tag nicht untersucht. Um 16.50 Uhr ruft Aymeric seine Mutter schon wieder an. Es sei nichts Orthopädisches, er solle zum Neurologen, der Arzt habe ihm einen empfohlen. Auf der Überweisung, die er mitbekommt, steht: „Parästhesie und starke Schmerzen beide UA“. Also: Empfindungsstörung in den Unterarmen.

Dass Aymeric die Praxis so schnell wieder verlässt, hängt vielleicht auch mit etwas zusammen, was den komplizierten Namen Regelleistungsvolumen-Fallzahl trägt. Danach bekommen die Berliner Orthopäden derzeit nur 26,49 Euro pro Patient und Quartal, egal wie oft einer in diesen drei Monaten kommt. Ein Arzt wird also nicht dafür bezahlt, wie viel Zeit er mit einem Kranken verbringt und wie genau er hinhört, wenn der seine Geschichte erzählt, sondern er muss, wenn er etwas verdienen will, vielmehr versuchen, jeden Patienten rasch wieder loszuwerden.

Anruf von Aymeric, 19. Februar, 17.15 Uhr: „Der Neurologe hat keinen Termin frei“, sagt Aymeric. „Nimm ein Taxi und fahr in die Charité“, sagt die Mutter da, das größte Uniklinikum Europas hat auch in Hamburg einen guten Ruf.

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