Berlin : Notbetrieb im Reisezentrum

Freitags, mitten in den Ferien, blieben die Ticketschalter bei der Bahn unbesetzt. Die Kunden reagierten verärgert

Markus Mähler
Tippspiel. Viele mussten sich an den Fahrscheinautomaten abmühen, weil die Gewerkschaft zur Mitarbeiterversammlung geladen hatte. Foto: dpa/Arno Burgi
Tippspiel. Viele mussten sich an den Fahrscheinautomaten abmühen, weil die Gewerkschaft zur Mitarbeiterversammlung geladen hatte....Foto: dpa

Eine verschlossene Tür zum Reisezentrum im Hauptbahnhof – damit hatte Angelika Breuer nicht gerechnet. Ihre Augen waren ganz auf das Zugticket gerichtet, die Schiebetür hatte sie nicht im Blick, da stieß sie gegen die Glasscheibe. Anschließend rieb sie sich die Stirn und sagte sehr laut: „Ist ja wieder toll, Hauptstadt Berlin. Verspätungen, volle Züge und an den Fahrkartenschaltern arbeitet auch kein Mensch.“ Das geschlossene Reisezentrum und die leeren Fahrkartenschalter im Hauptbahnhof waren aber am Freitag kein Einzelfall. Reisende und Pendler in allen Bahnhöfen und in fast ganz Deutschland standen von 10 bis etwa 16 Uhr vor verschlossenen Türen.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hatte für diese Zeit Betriebsversammlungen einberufen. Dort wollte sie ihre Mitglieder informieren, dass die Bahn bis 2016 rund 700 der 2350 Stellen an den Fahrkartenschaltern abbauen will. Während der Versammlungen ruhte die Arbeit für fast sechs Stunden. Auf Hinweisschildern lasen die Reisenden, dass sie die Automaten für denTicketkauf nutzen sollen.

Oliver Kaufhold, Sprecher der EVG, begründet, warum seine Gewerkschaft ausgerechnet den Freitag, zumal in den Herbstferien, für die Versammlungen wählte: „Die Menschen an den Fahrkartenschaltern sind keine Spielmasse. Am Freitag sieht man, wie wichtig ihre Arbeit ist. Sie sind das Gesicht der Bahn.“ Ein Sprecher der Bahn hatte den Stellenabbau damit begründet, dass immer mehr Tickets über das Internet verkauft würden und der Umsatzanteil der Reisezentren zurückgehe.

Besonders ausländische Reisegäste wussten am Freitag an den Automaten nicht weiter. Für sie gab es immerhin eine Beratung durch Mitarbeiter der Bahn, die in der Not aushelfen mussten.

Die Notfallbesatzung eröffnete am Hauptbahnhof sogar drei Schalter im ersten Stock. Voran ging es dort allerdings auch nur sehr mühsam, denn dort stauten sich Menschenmengen. Ein aufgebrachter Fahrgast in Wildlederjacke ließ seinem Zorn freien Lauf: „Ich habe nur durch Nachfragen überhaupt erfahren, dass es doch noch Beratung gibt. Es ist nicht meine Aufgabe, den Service so lange zu suchen, bis ich ihn finde.“ Andere Reisende wussten nicht, ob ihre Reise überhaupt weitergeht. Eine Frau aus Sachsen sagte: „Ich habe den Anschlusszug nach Leipzig verpasst. Mein Ticket ist für andere Züge nicht gültig.“ Helfende Informationen erhielt sie nicht.

An den Schaltern wiederholten sich die Entschuldigungen der Notfallbesatzung: „Die Versammlungen hat der Gesamtbetriebsrat festgelegt. Darauf haben wir keinen Einfluss. Das ist nicht der günstigste Tag für geschlossene Reisezentren.“ Mit wem die Bahn die Notfallbesatzungen an den Schaltern besetzt hat, glaubt Oliver Kaufhold von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft zu wissen: „Mit Führungskräften.“ Sie würden, sagt der Gewerkschafter, erleben, „dass die Arbeit am Schalter nicht nur aus dem Ticketverkauf, sondern auch aus Reklamationen und Beratung besteht“.

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