Berlin : Notenschlacht

Andreas Kern und Paul Cibis treten heute zum Piano-Battle in den Sophiensälen an.

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Foto: promo
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Das Schauplatz der Schlacht ist gut gewählt. Der Festsaal der Sophiensäle mit seiner abblätternden Decke ist ein ebenso romantischer wie offener Raum, der die Pianoklänge gleich noch mit theatralischem Hall versieht. Und die beiden gegenüberstehenden Flügel, die sich erst in der Tiefe des Raumes verlieren und dann im Verlauf des Wettstreits immer weiter nach vorne an die Ziellinie direkt vor den Publikumsrängen rücken, sind mit Scheinwerferspots dramatisch akzentuiert.

Die Wahl der Kleidung ist beim „Piano- Battle“ so klar wie die Wahl der Waffen: Strubbelkopf Andreas Kern ist der Flippige mit dem weißen Anzug, sein Duellpartner Paul Cibis der seriöse Seitenscheitel mit dem schwarzen – zwei kontrastierende Charaktere, angezogen wie Klaviertasten. Das ist die Grundkonstellation, die die Pianisten aus Mitte und Kreuzberg, 37 und 36 Jahre alt, zu einer in Asien und Europa erfolgreich aufgeführten Konzertshow entwickelt haben. Los ging sie 2009, als sie zum Hongkong City Festival eingeladen waren. „Die wollten uns beide haben, hatten aber nur noch einen Konzertsaal und einen Termin frei“, erzählt Cibis. Statt sich um den zu streiten, haben sich die beiden dann einfach die Urversion ihres musikalischen Bühnenwettstreits überlegt. Zur Freude des Publikums.

So wie in den Siebzigern und Achtzigern in Japan boomt Klassik seit den Neunzigern in China. Und obwohl dort in den Metropolen immer mehr Konzertsäle gebaut würden, gebe es im Gegensatz zu Europa keine gewachsene Konzerttradition, sagt Kern. „Da ist das Publikum so ungeprägt und offen, dass es mal eben mit der Videokamera zum Pianisten auf die Bühne kommt“, sagt Cibis. Er und sein Kompagnon sehen nicht aus, als sei ihnen das unangenehm. Keine Spur von Großpianistentum. Im Gegenteil: Kern, der 2010 in Berlin sein inzwischen auch nach Mailand und Barcelona exportiertes Wohnzimmerkonzertfestival „Piano City“ mit 100 Konzerten veranstaltet hat und fürs Fernsehen das Format „Arte Lounge“ erfunden hat, bei dem Klassikkünstler in Clubs auftreten, findet die weihevolle Aura westlicher Konzertsäle eher öde. „Keinerlei Erklärung zu den Kompositionen zu hören, nicht zwischen den Sätzen klatschen zu dürfen, da hat ein junges Publikum nicht immer Bock drauf.“

Beim Piano-Battle ist Interaktion mit den Zuhörern erwünscht. Sie dürfen sich nach den Runden, in denen die Pianisten mit stilistisch vergleichbaren Kompositionen aus ähnlichen Epochen gegeneinander antreten, sogar auf Zuruf improvisierte Titel wünschen und natürlich über technische Raffinesse oder persönlichen Ausdruck des Klavierspiels abstimmen. Neu sind solche Pianistenkriege auf offener Bühne nicht. Sogar Franz Liszt, der große Klaviervirtuose des 19. Jahrhunderts, habe weiland schon einen Wettstreit für Pianisten ausgelobt. Eine Comedy-Show jedenfalls ist es nicht. Auch wenn sich die Pianisten auf Englisch zwischen den Stück beharken, wird zwischendrin ganz seriös musiziert. „Wir verfälschen oder verkürzen Schubert, Debussy oder Chopin nicht“, sagt Cibis. Dass sie trotzdem Teil des mitunter seltsame Blüten treibenden Trends sind, klassische Musik zum Event aufzublasen, ist beiden klar. „Solange die Musik nicht leidet, ist das genau unser Ding.“

Sophiensäle, Sophienstraße 18, Mitte, Sonnabend 20 Uhr, 15 Euro

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