Berlin : Notfall in der Luft – die Charité hilft via Internet

Ferndiagnose für Patienten im Flugzeug: Lufthansa testet Medizincomputer, der Todesfälle wie zuletzt in Tegel verhindern soll

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Die medizinische Versorgung an Bord von Flugzeugen soll sich mithilfe modernster Technik schon bald deutlich verbessern. Die Lufthansa und die Berliner Charité arbeiten dazu an einem weltweit einzigartigen Projekt, das ab der kommenden Woche in der Praxis getestet wird: ein Notfallgerät zur Untersuchung und Behandlung in Flugzeugen. Dieser Medizincomputer soll an Bord lebenswichtige Daten sammeln, zum Beispiel vollautomatisch ein EKG aufzeichnen oder Blutwerte messen. Und seine Fähigkeiten gehen noch weiter: Die Daten werden via Internet an einen Arzt am Boden übertragen, der zusätzlich mittels einer Internetkamera den Patienten in Augenschein nehmen kann. Der Mediziner ist so in der Lage, per Ferndiagnose Behandlungsempfehlungen zu geben oder aber eine Ausweichlandung anzuordnen, um einen erkrankten Passagier schnell in eine Klinik zu bringen. In einem halben Jahr soll ein Prototyp dieses NotfallAlleskönners bereitstehen, sagt Manfred Dietel, Telemedizin-Beauftragter der Charité. „Bisher ist eine solche Entwicklung weltweit noch nicht gelungen.“ Dabei hofft die Universitätsklinik auf einen weltweiten Absatzmarkt für diese Innovation.

Wie wichtig eine solche Hilfe ist, zeigt der jüngste Todesfall an Bord einer Maschine der Turkish Airlines. Wie berichtet, war am vergangenen Wochenende ein 42-jähriger Fluggast aus Berlin an einem Herzanfall verstorben. Der Mann war selbst niedergelassener Allgemeinmediziner. Und immer wieder kommt es an Bord von Flugzeugen zu medizinischen Notsituationen (siehe Info oben).

Die technische Voraussetzung für die Telemedizin ist ein stabiler Internetzugang vom Flugzeug aus, denn eine normale Telefonverbindung reicht dafür nicht. Dieses so genannte Flynet steht ab dem 17. Mai in Lufthansa-Maschinen zur Verfügung, zunächst auf der Strecke München – Los Angeles. Eine Weltpremiere. Damit können Passagiere auch privat surfen – gegen Gebühr. Fünf Airbus A340-300 sind bereits umgerüstet. Bis zum Frühjahr 2006 soll die Ausstattung aller rund 80 Langstreckenflugzeuge Airbus A340, A330 sowie Boeing 747-400 abgeschlossen sein.

Neben der besseren Versorgung der Passagiere rechnet sich das neue Verfahren auch für die Lufthansa. Denn mit der kompetenten Ferndiagnose ließe sich auch manche der extrem teuren Ausweichlandungen vermeiden. Die Kosten dafür reichen von einigen 1000 Dollar bis in den Hunderttausend-Dollar-Bereich, heißt es bei der Lufthansa. 2003 mussten deren Maschinen 35 mal wegen eines medizinischen Notfalls außerplanmäßig landen. Die erkrankten Fluggäste müssten aber keine Regressforderungen der Lufthansa fürchten, sagt Firmensprecher Michael Lamberty.

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