Berlin : Notfalleinsatz am Stadtrand – oft kommen die Retter zu spät

Berlin und Brandenburg kooperieren,umKranken und Unfallopfern schneller zu helfen

Ingo Bach

Berlin und Brandenburg kooperieren,umKranken und Unfallopfern schneller zu helfen

Wann kommt endlich die Feuerwehr? Für diejenigen, die den schweren Unfall beobachten, ziehen sich die Minuten unerträglich in die Länge. Mitte Juli war ein Pkw in Schöneiche in den Straßengraben gekracht – Friedrichshagener Straße, nicht weit von der Stadtgrenze Berlins. Der Fahrer ist schwer verletzt. Ein Zeuge wählt um 11.25 Uhr per Handy den Notruf 110. Dann beginnen die Schwierigkeiten. Der nächstgelegene Handymast ist ans Berliner Telefonnetz angeschlossen, der Notruf läuft also bei der Berliner Leitstelle auf. Die Berufsfeuerwehr steht für einen Notfall bereit und so rückt nach drei Minuten ein Löschzug der Köpenicker Feuerwache mit Rettungswagen aus – allerdings zur falschen Straße. Denn auch in Köpenick gibt es eine Friedrichshagener Straße. Die Feuerwehrmänner notieren „Fehlalarm“ und fahren zurück.

Formal sind die Berliner sowieso nicht zuständig. Deshalb informiert die Leitstelle auch die Feuerwehr in Schöneiche. Eine Freiwillige Feuerwehr, die ihre Leute erst von deren Arbeitsplätzen weg in die Wache rufen muss. Nach zehn Minuten rückt ein Löschfahrzeug aus – ohne Rettungswagen, denn dafür sind in Brandenburg die Landkreise zuständig, die wiederum Hilfsorganisationen wie das DRK alarmieren. 23 Minuten nach dem Unfall trifft ein Notarztwagen vom Krankenhaus Rüdersdorf ein. Um 11.56 Uhr stellt die Notärztin den Tod des Unfallfahrers fest, achtzehn Minuten zuvor hatten Helfer noch dessen Puls gespürt…

Solch ein Desaster soll ab sofort der Vergangenheit angehören. Berlin und Brandenburg haben einen Staatsvertrag ratifiziert, der die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Rettungsdienste regelt. Wer an der Ländergrenze am schnellsten am Unfallort sein kann – egal ob Berliner oder Brandenburger –, der soll auch helfen. „Wenn man im Notfall erst fünf Minuten über die Zuständigkeit diskutiert, dann sind das fünf Minuten zu viel“, sagt Claudia Szczes, stellvertretende Sprecherin des Potsdamer Gesundheitsministeriums. Nach Angaben der Berliner Feuerwehr gibt es jährlich rund 1000 grenzüberschreitende Einsätze.

Doch fünf Minuten können schon durch die unterschiedlichen Systeme der Notfallrettung in den Nachbarländer verloren gehen. „In Berlin müssen die Rettungswagen nach acht bis zwölf Minuten am Unfallort sein“, sagt Sigurd Peters von der Senatssozialverwaltung. Im Schnitt sind die Retter sogar nach 6,4 Minuten am Ort – eine Zahl, die seit Jahren gleich bleibe, so ein Feuerwehrsprecher. In Brandenburg gilt eine maximale Hilfszeit von 15 Minuten. Eine freiwillige Feuerwehr braucht länger als eine Berufsfeuerwehr, die nur auf die Alarmierung wartet. Außerdem ist Brandenburg dünn besiedelt.

Bei bestimmten Notfällen, wie Herzstillstand, Schlaganfall oder schwere Verkehrsunfälle, zählt jedoch jede Minute. In einer 2001 veröffentlichten Studie untersuchten britische Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen einem Langzeitüberleben nach einem Kreislaufstillstand und dem Eintreffen der Rettungskräfte. Das Ergebnis: Verkürzt man die Hilfsfrist von fünfzehn auf acht Minuten, steigt die Überlebensrate von 6,2 auf über acht Prozent. Pro einhundert Notfallopfer könnten also zwei Menschen mehr überleben.

Ein weiteres Problem sind die Telefonnetze. Da viele der Brandenburger Randgemeinden an das Berliner Netz angeschlossen sind, laufen Notrufe bei den hiesigen Leitstellen ein. Wenn erst die Brandenburger benachrichtigt werden müssen, ginge wertvolle Zeit verloren, sagt Bernd Krause-Dietering von der Berliner Feuerwehr. So etwas könne auch Berlinern passieren. „Wer in Lichtenrade einen Notruf per Handy absetzt, landet in der Leitstelle des Dahme-Spree-Kreises.“

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