Berlin : Notfallplan für Hauptschulen gefordert

Bildungsexperten und Integrationsbeauftragter wollen mehr Geld und Personal für Problemgebiete

Annette Kögel

Hauptschulen müssen künftig als gesellschaftliches Integrationsinstrument betrachtet und finanziell mehr gefördert werden. Um Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern Perspektiven zu eröffnen, muss die Wirtschaft mehr Jobs für geringer qualifizierte Arbeitnehmer anbieten. Beim Ausländerrecht für Flüchtlinge muss es ein Umdenken geben – das sind einige Forderungen, die Bildungs- und Integrationsexperten jetzt erheben.

„Der Brief beschreibt das, was jeder weiß, der Hauptschulen in benachteiligten Gebieten von Großstädten kennt, und er sagt nichts anderes als: Mit den bisherigen Mitteln kommen wir nicht weiter“, sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). An der Hauptschule zeige sich das Problem „unseres selektierenden Schulsystems“, weil dort die Schülerpopulation mit den geringsten Chancen zusammenkomme. Der Fingerzeig der Rütli-Schule mache deutlich, dass Lehrer „der Hilfe bedürfen, weil sie die einzige gesellschaftliche Instanz sind, die Kinder noch beim Weg ins Leben begleiten, da die Eltern das nicht mehr leisten“. Die Schulen bräuchten mehr Pädagogen, müssten sich weit mehr für Honorarkräfte von außen öffnen, für Vorbilder der gleichen Nationalität. „Wir müssen das Geld jetzt investieren. Was wir da versäumen, kostet die kommenden Generationen ungleich mehr“, sagt Buschkowsky.

Auch für Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) sind die Zustände kein Einzelfall: „150 von 860 Berliner Schulen liegen in sozialen Brennpunkten.“ All diese Schulen bräuchten mehr Sozialarbeiter, die Etats für Lehr- und Lernmittel müssten aufgestockt sowie sämtliche Oberschulen zu Ganztagsschulen mit Gratis-Essen ausgebaut werden. „Es macht keinen Sinn, Zwölfjährige in der Grundschule ganztags zu betreuen, und ab 13 sind sie wieder auf der Straße.“

Rechne man die Grundschulen in den Außenbezirken Britz, Buckow und Rudow mit ein, liegt der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunft bei 52 Prozent; allein in Nord-Neukölln seien es sogar 72 Prozent. „Da kann ich für eine bessere Durchmischung keine deutschen Schüler mehr umverteilen, und die Zehlendorfer werden ihre Kinder auch nicht mit Bussen herschicken.“ Daher müsste man die bestehenden Verhältnisse verbessern, indem man auch solche Dinge ermögliche, wie an allen Oberschulen Cafeterien einzurichten.

Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening sagte, der Hilferuf zeige auf dramatische Weise, wie sich die Folgen der Jugendarbeitslosigkeit in die Hauptschulen verlagern, die weit mehr Unterstützung brauchen. Er kenne die Schule über ein berufliches Integrationsprojekt. „Unsere Erfahrung ist: Diese Schüler bekommen keine Lehrstelle.“ Zumal viele Eltern und Schüler nur den Status einer Duldung besäßen, der es ihnen unmöglich macht zu arbeiten, eine Lehrstelle zu bekommen. Die Innenverwaltung habe erst vor kurzem einen Erlass herausgegeben, der diese Situation verbessere.

Als Buschkowsky und Schimmang morgens in der Rütli-Schule waren, wunderten sie sich über Mädchen, die einfach nicht beim Sportunterricht mitmachten, weil sie „keinen Bock“ hatten. Sie kritisierten aber auch einige Kameraleute, die die Schüler provozierten, bis sie für die Aufnahmen Steine warfen. Dass die Kinder „zum Schluss aus den Klassenfenstern ,haut ab‘ skandierten“, sei da durchaus zu verstehen gewesen, sagte Buschkowsky.

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